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50 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wie einer die Vergeblichkeit denkt, ohne zynisch oder hoffnungslos zu werden, 15. Dezember 2006
Dieses kleine Buch des jüdischen Gelehrten George Steiner ist ein Kleinod unabhängigen Denkens und Philosophierens. Zehn mögliche Gründe findet Steiner in Anlehnung an die Philosophie Friedrich Schellings dafür, warum das Denken traurig macht.
Das Buch beginnt mit einer kühnen kosmischen Perspektive, die zugleich eine metaphysische ist; im Fokus aber steht, aus solcher Perspektive rückbetrachtet, die einzelne menschliche Existenz. Von dieser wird behauptet, daß ihr eine gewisse, unentrinnbare Traurigkeit anhafte, die wiederum der trübe Grund sei, aus dem Bewußtsein und Erkenntnis Kraft schöpften. Das Kosmische daran ist der Vergleich mit jener Hintergrundstrahlung, wie sie die Radioteloskope der Astronomen als Echo des großen Urknalls empfangen, mit dem das Universum, einer gültigen Theorie zufolge, entstanden sein soll. Mit anderen Worten: Der Ursprung des Alls und die unzerstörbare Melancholie allen Lebens sind nut zwei Seiten derselben Medaille.
Der geistige Vater dieser Ansicht heißt Friedrich Schelling; als Naturphilosoph und Erfinder einer sogenannten Weltseele gilt er als der Romantiker unter den Systemphilosophen des deutschen Idealismus. Auf ihn beruft sich Steiners Abhandlung von der ersten bis zur letzten Seite. Von ihm stammt die dualistische Konzeption eines Grundes, von dem das existierende Wesen sich abhebt, das heißt sowohl Gott als auch jede einzelne endliche Existenz, in der jene Traurigkeit gleichsam ebenso natürlich mitschwingt sie die erwähnten kosmischen Wellen.
Steiner bilanziert im letzten von zahn faszinierenden Gedankengängen:
"Wir sind einer nachprüfbaren Lösung des Rätsels unserer Existenz, ihrer Natur und ihres Zweckes -wenn es ihn überhaupt gibt - in diesem wahrscheinlich multiplen Universum, wir sind einer Antwort auf die Frage, ob der Tod endgültig ist oder nicht, ob es Gott gibt oder nicht, keinen Zoll näher gekommen als Parmenides oder Platon. Vielleicht sind wir weiter davon entfernt als sie. Die Versuche, diese Frage zu 'denken', sie zu 'durchdenken', um Zuflucht bei rechtfertigenden, erklärenden Lösungen zu suchen, haben unsere religiöse, philosophische, literarische, künstlerische und in hohem Maße auch die wissenschaftliche Geschichte hervorgebracht. Dieses Unternehmen hat die größten und schöpferischsten Geister der menschlichen Rasse beschäftigt - Platon, den heiligen Augustinus, Dante, Spinoza, Galileo, Marx, Nietzsche oder Freud. Es hat theologische und metaphysische Systeme von faszinierendem Scharfsinn, voll anregender Vorschläge, erzeugt. Vor der Moderne waren unsere Doktrinen, unsere Dichtung, Kunst und Wissenschaft von den drängenden Fragen nach Dasein, Sterblichkeit und Gott durchsetzt. Sich dieser Frage Stellung zu enthalten, sie zu zensieren würde bedeuten, den bestimmenden Puls, die dignitas unseres Menschseins, zu löschen. Der durch Fragen ausgelöste Schwindel setzt ein Leben ständiger Selbstprüfung in Gang.
Letztlich führt all dies jedoch nirgendwohin. Wie inspiriert dieses Denken des Seins, des Todes oder Gottes auch sein mag, es läuft auf mehr oder minder geistreiche, weitreichende oder bedeutungsvolle Bilder hinaus - man könnte gar von 'hohlem Gerede' sprechen. Was nun irgendeinen substantiellen Ertrag betrifft, so teilen der Tanz von Ureinwohnern um den Totempfahl, Thomas von Aquins Summa, Voodoorituale oder Plotin Emanationen Mythen mit und agieren sie aus, zwischen denen mehr als zufällige Analogien bestehen. Keinerlei Beweis lässt sich daraus ableiten. In der Tat gehört die Geschichte der sukzessiven Versuche, die Unsterblichkeit oder die Existenz Gottes zu beweisen, zu den eher peinlichen Chroniken der conditio humana. Die Gewandtheit des Denkens, seine unerschöpfliche Neigung zum Erzählen, führt zum beschämenden, nahezu unerträglichen Schluß, daß 'alles geht'. Für unzählige Millionen kämmt Gott seinen weißen Bart, wird Elvis Presley von den Toten auferstehen. Auf der axiomatischen Ebene ist eine Widerlegung nicht möglich. Die Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit der Wissenschaften, ihr triumphaler Fortschritt von den Hypothesen bis zur Anwendung begründen ihr Prestige und ihre wachsende Macht in unserer Kultur. In einem anderen Sinne aber machen sie auch ihre selbstherrliche Trivialität aus. Die Wissenschaft kann auf die wesentlichen Fragen, die den menschlichen Geist beschäftigen oder ihn beschäftigen sollten, keine Antwort geben. Wittgenstein hat wiederholt darauf hingewiesen. Sie kann nur die Legitimität solcher Fragen leugnen. Nach der Nanosekunde vor dem 'Big Bang' zu fragen sei, so wird uns schulmeisterlich versichert, eine Absurdität. Doch wir sind nu einmal so veranlagt, daß wir trotzdem fragen und die Annahmen des heiligen Augustins für überzeigender halten mögen als jene der String-Theorie.'
Das Buch zeugt von unabhängigem Denken in bester Tradition und wird trotz aller Vergeblichkeit nie zynisch oder gar hoffnungslos.
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16 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Fluktuierende Paradigmen und die in mannigfaltigen Dimensionen schwingende Wahrheit, 25. Juli 2008
Was George Steiner mit dieser Essaysammlung bezweckt, erschließt sich mir leider nicht. Im Gegenteil: Wer hier Offenbarungen zum Thema "Denken" erwartet, wird - so fürchte ich - ebenso enttäuscht sein wie ich. Auf dem Buchdeckel wird Christian Geyer von der FAZ zitiert: "Sie werden nach der Lektüre ein anderer sein". Nein, ich bin kein Anderer geworden! Ich fühle mich vielmehr "auf den Arm genommen". Ich finde eine Vielzahl von "Leerformeln" in diesem Buch, mit der wohl nur ein Literaturwissenschaftler etwas anfangen kann, der sich wie Steiner befleißigt, die Literaturwissenschaft mit den Naturwissenschaften zu verheiraten.
So werden z.B. "die Wahrheiten der Wissenschaften ... getragen von fluktuierenden Paradigmen" (S. 45), so "haftet gewissen Denkintensitäten etwas Monomanisches an (Laser können Verbrennungen hervorrufen)" (S. 29; was hat das eine mit dem anderen zu tun?) oder da schwingt Wahrheit "gleich jenen Superstrings in der heutigen Kosmologie in mannigfaltigen Dimensionen" (S. 46) und wie überall in dieser Art Literatur ist mal wieder von "Quantensprüngen" die Rede (S. 41), als seien diese unglaublich gewaltige Sprünge nach vorne, obwohl sich inzwischen herumgesprochen haben dürfte, dass ein Quantensprung den kleinstmöglichen(!)Übergang in der Natur darstellt.
Alles in allem reiht sich dieses Buch für mich in die Unzahl der Werke ein, in denen sog. Denker der Postmoderne wie Lacan, Deleuze usw. die Naturwissenschaften missbraucht haben, um einen pseudonaturwissenschaftlichen Wortbrei anzurühren (Alan Sokal hat ein äußerst lesenswertes Buch darüber geschrieben; Titel: "Eleganter Unsinn", Beck, 1999), der sprachverliebte Menschen sicher begeistern kann. Der Sinn bleibt dabei leider häufig auf der Strecke.
Nein, dieses Opus kann man sich getrost schenken. Die Chancen, dadurch ein anderer Mensch zu werden, sind recht gering. Tut mir Leid: Nicht Denken macht traurig! Mich hat eher das Lesen dieses Buches traurig gemacht.
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10 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
denkend des denkens traurigkeit ergründen, 7. Februar 2007
bereits bei den ersten zeilen wird deutlich:
hier will weniger das verwoben sein von denken und traurigkeit analytisch erarbeitet als viel eher dem lebens,- und denkgefühl des autors ausdruck verliehen werden.
aber kann man,... sollte man,... will man von einem buch, das den titel trägt 'warum denken traurig macht' tatsächlich erwarten, daß es systematisch erklärt, warum in monotheistischen kulturen denken eher mit melancholie denn mit sanguinik assoziiert wird?
oder will man vielleicht doch eher die süße melancholie riechen wenn man sich darauf einläßt zu erfahren, welche traurigkeit einem beim denken über das denken begegnen kann?
lesenswert!
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