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»Eine spannende und an die Substanz gehende Liebesgeschichte [...] allegorisch erzählt und mitten ins Herz treffend.«
The New Yorker
Als sich 1963 der siebenundzwanzigjährige Lin Kong und die ein Jahr jüngere Shuyu das Ja-Wort geben, ist es keine Heirat aus Liebe. Nach der ersten Begegnung mit der Braut, die seine Eltern für ihn ausgewählt hatten, wollte Lin die Verlobung rückgängig machen: Shuyu ist eine ungebildete, wenig anziehende Frau, die noch im »Neuen China« gebundene Füße und den traditionellen Haarknoten trägt. Doch die Eltern blieben unnachgiebig und Lin geht ohnehin stets den Weg des geringsten Widerstands. Da sich der Arzt für seine Frau schämt, untersagt er ihr, ihn im Militärkrankenhaus in Muji zu besuchen, wo er, eine Tagesreise vom Dorf entfernt, eine Stelle innehat: »Er liebte sie nicht und hasste sie auch nicht. Er behandelte sie wie eine Cousine.«
Nur seine zwölf Tage Jahresurlaub verbringt er zu Hause bei Shuyu, die seine innere wie äußere Distanz klaglos erduldet. Wenig später lernt Lin Kong die Stationsschwester Manna Wu kennen, eine energische, moderne junge Frau. Erstmals empfindet Lin Kong so etwas wie Liebe eine verwirrende Erfahrung. Die beiden werden ein Paar, doch es ist eine heimliche und sehr keusche Beziehung. Alles andere hätte zum Ausschluß aus der Armee geführt. Als sich der ewige Bedenkenträger Lin auf Drängen Manna Wus endlich aufrafft, die Scheidung von Shuyu zu verlangen, willigt jene zunächst ein, weigert sich aber im letzten Augenblick.
Fast zwanzig Jahre lang geht das so: »Jeden Sommer kehrte Lin Kong nach Gänsedorf zurück,um sich von seiner Frau Shuyu scheiden zu lassen.« Doch was kann Erfüllung noch bedeuten nach so vielen Jahren des Wartens, der Geduld, Duldsamkeit und Entsagung?
Lin ist ein Wanderer zwischen zwei Sphären, die jeweils ihre Ansprüche auf völlige Unterordnung des Einzelnen erheben: zu Hause das bäuerliche Milieu, das nur partiell in die neue kommunistische Gesellschaft eingebunden ist, im Krankenhaus dagegen die straff organisierte Welt des Militärs.
Der entschlussschwache, emotional träge Lin Kong bleibt passiv, gelähmt von Gefühlen der Schuld und der Verpflichtung gegenüber Shuyu und dem Staat ein achtzehnjähriger Schwebezustand, unter dem alle Beteiligten zu leiden haben, auch die Frau, die er eigentlich liebt: Manna Wu.
Der chinesisch-amerikanische Schriftsteller Ha Jin erzählt in seinem mehrfach ausgezeichneten Roman die ungewöhnliche Liebesgeschichte dreier Menschen, die eine sehr unromantische Vorstellung von der Liebe haben. Etwas aus emotional und individuell motiviertem Antrieb zu wünschen oder gar zu tun, wagen alle drei Hauptfiguren kaum mehr. Unter dem enormen äußeren Druck gewinnt jede Geste, jeder Blick an Bedeutung, wird zur Ungeheuerlichkeit. Dieser Selbstbeschränkung der Protagonisten, die auf die Kommunikation durch Unausgesprochenes setzt, entspricht die schnörkellose Darstellung. Mit seiner gleichsam poetisch komprimierten und anschmiegsamen Sprache schildert der Autor Menschen, die extremen seelischen Belastungen ausgesetzt sind und sie auf den ersten Blick mit kaum nachvollziehbarer Demut ertragen. Mit wenigen Sätzen gelingt es dem Autor, eine ruhige, aber spannungsgeladene Atmosphäre von der kargen Schönheit chinesischer Lyrik zu erzeugen, die mit feinen Irritationen der Ironie und der Erotik durchsetzt ist.
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
sehr lesenswert!,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Warten: Roman (Taschenbuch)
Wenn man diese Buch als Liebesroman liest wird man enttauscht sein über die Leidenschaftslosigkeit der Protagonisten und die Grautöne, die ihr Leben bestimmen. Der Roman ist eine detaillgenaues Bild des Alltags in China vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Selbst wenn einem anfangs alles irgendwie fremd ist, kommen die Personen einem im Laufe des Buches immer näher und man kann sich zunehmend in ihre Situation und Ausweglosigkeit hineinversetzen, sofern man sich darauf einlassen kann. Mich hat das Buch sehr berührt und gefallen, obwohl es in Resignation endet und einem kein "happy-end" oder eine Erlösung von den Grautönen gibt.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Detailgetreues chinesisches Gesellschaftsbild,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Warten: Roman (Taschenbuch)
Die Erfahrung, dass man Klappentexten und Verlagsanpreisungen mit Misstrauen begegnen sollte, bestätigt sich auch hier. Auf die in Aussicht gestellte "Eleganz" und "menschliche Komödie" wartet man in Ha Jins Roman vergeblich. Dass "jede Geste, jeder Blick ... zur Ungeheuerlichkeit" werde, ist eine maßlose Übertreibung. Wer in dem Werk auf die "ungewöhnliche Liebesgeschichte" herkömmlicher Art hofft, wird eher enttäuscht. Die Hauptpersonen sind eigenartig leidenschaftslos, ihre Liebe zueinander kraftlos und lau. Fast erscheinen die Partner austauschbar, und tatsächlich werden solche Versuche auch mehrmals, fast emotionslos und unter rein rationalen Erwägungen, von den "Liebenden" unternommen. Als Liebesroman erfüllt der Roman die Erwartungen eines mitteleuropäischen Lesers kaum. Die Charaktere und ihre auf Sparflamme gesetzten Gefühle bleiben ihm fremd. Es fällt ihm schwer, sich mit ihnen zu identifizieren. Das alles heißt jedoch nicht, dass das Buch uninteressant wäre. Es ist durchaus lesenswert, aber aus anderen Gründen: als detailgetreues Bild der kommunistisch-maoistischen Gesellschaft, in der große Gefühle von vornherein keine Chance haben. Der totalitäre Überwachungsstaat trägt teilweise alptraumhafte Züge; denn er macht die Gutherzigen zu angepassten Duldern, die es nicht wagen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, sondern die sich hinter offiziellen Parteiphrasen verschanzen. Er fördert hingegen die schlechten Anlagen wie Korruption, Skrupellosigkeit, Gewalttätigkeit, Betrug und Lüge. Tröstlich bleiben allein die unzähligen kleinen menschlichen Schwächen, die immer wieder ironisch-realistisch im Roman aufblitzen: Klatschsucht, Neid, Eifersucht, Geilheit, Naschsucht, Arroganz und Völlerei, die besagen, dass letzlich keiner Gesellschaftsordnung, und sei sie noch so rigide, die völlige Gleichschaltung der Menschen gelingt. Ein zusätzlicher Reiz liegt in dem durchgehenden Kontrast von Land und Stadt, von angezweifelter Tradition und zweifelhaftem Fortschritt.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Buch auf den "zweiten Blick",
Rezension bezieht sich auf: Warten: Roman (Taschenbuch)
Bei dem Buch handelt es sich weder um einen Liebesroman im klassischen Sinne noch um einen historischen Roman, sondern um eine gelungene Mischung aus beidem. Die Handlung ist rasch erklärt: Lin, ein in der Stadt lebender Arzt kehrt jeden Sommer in seinen Heimatort zurück und versucht jedes Mal aufs Neue sich von seiner Ehefrau scheiden zu lassen um die Liaison mit Manna Wu endlich offiziell besiegeln zu können. 18 Jahre lang willigt der dort ansässige Richter nicht in die Scheidung ein. Doch im 19. Jahr hofft Lin auf die entscheidende Wende. Auf gut 300 Seiten wird beschrieben wie die Hauptpersonen diese 18 Jahre erleben und zwar nicht nur aus der Sicht der sich Liebenden, sondern auch aus der Sicht von Shuyu, der Frau, die Lin 18 Jahre zuvor als Ehefrau zugedacht wurde. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung der Gefühle aller Beteiligten und die Erkenntnis, dass nicht immer alles so ist wie es scheint. Zugegebenerweise zieht sich die Handlung vor allem am Anfang etwas in die Länge sodass man schon geneigt ist, das Buch aus der Hand zu legen. Das Buch wird jedoch zunehmend besser und mündet schließlich in ein sehr beeindruckendes, Stimmungsbild der damaligen Zeit. Sehr einfühlsam und auf stille Art und Weise beschreibt der Autor die Charaktere der Personen, die widersprüchlichen Gefühle Lins und die seiner Frauen sowie die Wandlung der Beziehungen zueinander über eine Zeitspanne von über 20 Jahren.
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