Die Erfahrung, dass man Klappentexten und Verlagsanpreisungen mit Misstrauen begegnen sollte, bestätigt sich auch hier. Auf die in Aussicht gestellte "Eleganz" und "menschliche Komödie" wartet man in Ha Jins Roman vergeblich. Dass "jede Geste, jeder Blick ... zur Ungeheuerlichkeit" werde, ist eine maßlose Übertreibung. Wer in dem Werk auf die "ungewöhnliche Liebesgeschichte" herkömmlicher Art hofft, wird eher enttäuscht. Die Hauptpersonen sind eigenartig leidenschaftslos, ihre Liebe zueinander kraftlos und lau. Fast erscheinen die Partner austauschbar, und tatsächlich werden solche Versuche auch mehrmals, fast emotionslos und unter rein rationalen Erwägungen, von den "Liebenden" unternommen. Als Liebesroman erfüllt der Roman die Erwartungen eines mitteleuropäischen Lesers kaum. Die Charaktere und ihre auf Sparflamme gesetzten Gefühle bleiben ihm fremd. Es fällt ihm schwer, sich mit ihnen zu identifizieren. Das alles heißt jedoch nicht, dass das Buch uninteressant wäre. Es ist durchaus lesenswert, aber aus anderen Gründen: als detailgetreues Bild der kommunistisch-maoistischen Gesellschaft, in der große Gefühle von vornherein keine Chance haben. Der totalitäre Überwachungsstaat trägt teilweise alptraumhafte Züge; denn er macht die Gutherzigen zu angepassten Duldern, die es nicht wagen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, sondern die sich hinter offiziellen Parteiphrasen verschanzen. Er fördert hingegen die schlechten Anlagen wie Korruption, Skrupellosigkeit, Gewalttätigkeit, Betrug und Lüge. Tröstlich bleiben allein die unzähligen kleinen menschlichen Schwächen, die immer wieder ironisch-realistisch im Roman aufblitzen: Klatschsucht, Neid, Eifersucht, Geilheit, Naschsucht, Arroganz und Völlerei, die besagen, dass letzlich keiner Gesellschaftsordnung, und sei sie noch so rigide, die völlige Gleichschaltung der Menschen gelingt. Ein zusätzlicher Reiz liegt in dem durchgehenden Kontrast von Land und Stadt, von angezweifelter Tradition und zweifelhaftem Fortschritt.