Warum liest man eine Autobiographie eines Politikers? Um etwas über Geschichte zu erfahren und in die Geisteswelt eines fremden Menschen zu gelangen. Zweiteres gelingt hier sofort. Im Buch erzählt Sharon sehr offen seine persönliche Geschichte im Land Palestina, von seiner Geburt auf dem Land, dem Beginn seiner militärischen Karriere und der Gründung von Israel. Er beschreibt auch die tragischen Katastrophen seines Familienlebens, und auch den Einfluss, die diese auf die Politik hatten. Es wird sehr klar, warum er wie handelt. Es wird auch klar, warum sich seine Umgebung mit ihm nicht immer einfach getan hat.
Schwieriger wird es, wenn man die vorliegende Biographie nutzen will, um nicht nur etwas über den Menschen, sondern auch über sein Land und seine Geschichte zu erfahren. Hier ist Sharon immer Partei, und deshalb muss man das Buch kritisch lesen und sehen, dass hier nur einer von vielen möglichen Standpunkten aufgezeigt wird. Dies gilt übrigens nicht nur für Politik, man muss hier die verschiedenen Schwerpunkte in Sharons leben unterscheiden.
Vorbehaltlos kann man wohl seinen Analysen im militärischen Umfeld zustimmen. Einer der Schwerpunkte des Buches ist die Analyse der zwischen Israel und den Arabern geführten Kriege, und hier zeigt sich Sharon nicht nur als exzellenter Militär, sondern er beschreibt auch gut die Gründe für Erfolge und Misserfolge Israels in dieser kritischen Zeit. Als Offizier vertritt er die Auffassung, dass nur eine lokale Sicht auf die Lage zu den richtigen Entscheidungen führen kann und er nennt viele Beispiele, wie die Entscheidungen des fernen Hauptquartiers in der Etappe das Leben von Menschen kosten. Dementsprechend war in allen Auseinandersetzungen sein Platz immer direkt an der Front - unabhängig von dem jeweils aktuellen Rang. Mehr als die Kriegsberichte anderer Militärs sind seine Berichte daher direkter, aus erster Hand. Möglicherweise der Höhepunkt des Buches. In seinen strategischen Überlegungen folgt er damit eher einem Rommel als den damals führenden, britischen Autoren. Klar wird auch, dass er in seinen Antiterroraktionen versucht, zivile Opfer zu vermeiden, dass aber die Unvermeidlichkeit dieser Opfer bei ihm kein Grund für die Absage einer Aktion ist. Verständlich angesichts der Geschichte Israels, aber dennoch diskussionsbedürftig.
Wenn er über Politik schreibt, ist das alles nicht ganz so einfach. Man hat den Eindruck eines Querkopfes, der dort am Werk ist. Die methodisch-militärische Arbeitsweise kommt hier nicht gut an. Gerade in seiner Anfangszeit als Politiker handelt er nach der Maxime: Bekomme die richtigen Daten zusammen, teile diese den anderen mit und dann müssen alle einfach die richtige Entscheidung treffen. Ein Prozess, für einen politischen Konsens zu sorgen, ist ihm eigentlich fremd. Genauso fremd ist ihm der Begriff der "Politischen Verantwortung" eines Ministers, insbesondere im Fall des Massakers in Sabra und Shatila. Man nimmt ihm ab, dass er selbst das Massaker nicht verhindern konnte. Möglicherweise haben seine Grundüberzeugungen (s.o.) aber dennoch zu diesem Ergebnis beigetragen.
Als Außenpolitiker legt er einen starken Wert auf das Thema wirtschaftliche und technische Kooperation. Ein Konzept, was wirklich produktiv ist, der Frieden mit Ägypten ist hier ein gutes Beispiel. Aus seiner Erfahrung als Agrarminister, dass man auch aus einem Stück Wüste eine blühende Landschaft machen kann, kommt hier eine für mich neue Basis der erfolgreichen Zusammenarbeit mit vielen Ländern. Streiten kann man sich hier allerdings wieder über die Auswahl der Partner, die er unterstützt, Mobuto aus Zaire war sicherlich auch ein fragwürdiges Gegenüber.
Sharon erzählt auch viel über seine Erfahrungen als Landwirt, er hat selbst eine Farm betrieben und kommt aus einer Bauernfamilie, ist also selbst Experte. Allerdings kein Wort von biologischem Anbau oder Nachhaltigkeit, bei ihm heißt die Gleichung immer Wüstensand plus Wasser plus Dünger gleich Früchte. Ich frage mich, ob es auf seiner Farm jemals ein Problem mit langfristiger Versalzung des Bodens gab, scheinbar nicht.
Zuletzt zum Familienvater, wie wir alle ist Sharon auch ein Familienmensch, mit seiner Frau und seinem Sohn sterben gleich zwei enge Familienmitglieder vor der Zeit, was seine Spuren hinterlässt. Ein bisschen muss man aber auch feststellen, dass in der Praxis für seine Familie wohl nur dann Zeit war, wenn das Land nicht gerade zu den Waffen rief, wie fast immer.
Zusammenfassung: In Einblick in die Welt eines einzigartigen Mannes, eine exzellente Darstellung der Nahostkriege des letzten Jahrhunderts, aber kritisch zu lesen, wenn es um Politik und weitere Themen geht.
Noch ein letzter Hinweis, das Buch endet eigentlich mit der Invasion im Libanon in den achtziger Jahren, die spätere Entwicklung und seine Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2001 wird nur kurz gestreift. Für die aktuelle Tagespolitik braucht man also weitere Quellen.