»Warnung vor einer heiligen Nutte«, die siebte Kinoarbeit (neben zwei Kurz- und drei Fernsehfilmen) des damals 25-jährigen Rainer Werner Fassbinder, wurde im September 1970 in Sorrento, Italien, gedreht und im August des folgenden Jahres bei der Biennale di Venezia uraufgeführt. Aufgrund ungeklärter Musikrechte (Stücke von Ray Charles, Spooky Tooth, Elvis Presley und Leonard Cohen) konnte der Film nur bei Festivals gezeigt werden und gelangte nicht in den regulären Verleih.
»Ich finde ihn ganz, ganz dilettantisch. So kann man nicht arbeiten.« (Eddie, Hauptdarsteller)
Im April 1970 hatte Fassbinder in Almería, Spanien, den Western »Whity« gedreht. Das Filmteam setzte sich zum größeren Teil aus den Mitgliedern des »antiteaters« zusammen, einer ursprünglich der Idee des kollektiven Arbeitens verpflichteten Münchener Offtheatertruppe. Die Dreharbeiten zu »Whity« gerieten zu einem künstlerischen, finanziellen und menschlichen Desaster und ließen die »antiteater«-Gruppe an ihre kreativen und weltanschaulichen Grenzen stoßen. Unverzagt versuchte Fassbinder das »Whity«-Debakel schöpferisch fruchtbar zu machen und nahm die erlebten Unbilden als Ausgangsmaterial für seine »Warnung vor einer heiligen Nutte«.
»Ich will zehn Cuba libre!« (Jeff, Regisseur)
In einem spanischen Hotel wartet ein Filmteam auf seinen Regisseur. Als der schließlich per Helikopter einfliegt, beginnt man zu drehen. Man zankt sich, schwatzt und intrigiert, antichambriert. Alle sind unfähig, alle sind genial, und alle wissen alles besser. Und es wird gesoffen. Nichts geht, und es geht voran. Am Ende ergibt das einen Film hüben und drüben: diegetisch als Mise en abîme, realiter als Fanal im fassbinderschen Œuvre. Der »heiligen Nutte« wurde Genüge geleistet, weiland und in Ewigkeit.
»Glaubst du, wegen dem geht einer ins Kino?« (Billie, Maskenbildnerin)
Eddie Constantine, kunstfilmgestählt, Godard-zertifiziert, driftet ahnungslos, unbeteiligt, souverän durch den Film. Die Schygulla, linde 26, spielt die Hanna, und die ist eine divenhafte Schauspielerin. Der Rainer selbst tut auch mit, aber nicht als Regisseur, sondern als Herstellungsleiter Sascha, der nichts, aber auch gar nichts zu lachen hat: »Weißt du, das Einzige, was ich akzeptiere, ist Verzweiflung«, vertraut er seinem Regisseur an. Kurt Raab ist als Fred, der Ausstatter, ganz bei sich und gar nicht nett zu Korbinian, dem Aufnahme- und Blitzableiter der Produktion, verkörpert von Ulli Lommel, der Fassbinder bei »Whity« ganz ordentlich in die Bredouille gebracht hatte: als Produzent ohne Geld nämlich. »Tu lieber was arbeiten, du faule Sau«, gehört noch zu den netteren Dingen, mit denen Fred dem Korbinian das Leben vergrätzt. Der famose Werner Schroeter stellt den fastidiösen Fotografen Deiters dar und erzählt uns gleich zu Beginn des Filmes die Geschichte von dem Gangster Winz-Willi und wie der dem Goofy vormacht, dass er ein kleines Mädchen ist, weil der Goofy ja eine Kinderschwester sein will, aber dann fliegt alles auf, und der Winz-Willi wird verhaftet.
»Zehn Cuba libre, hörst du?« (Jeff, Regisseur)
»Warnung vor einer heiligen Nutte«, großartig gefilmt von Michael Ballhaus, markiert den End- und Höhepunkt von Fassbinders erster Schaffensperiode. Das zentrale Thema seiner filmischen Untersuchungen, die Analyse von Beziehungsstrukturen im Hinblick auf deren individuelle und gesellschaftliche Prägung, tritt hier erstmals in offen selbstreflexiver Form auf. Kurz nach der Fertigstellung des Filmes wird Fassbinder die subversiven Hollywoodmelodramen von Douglas Sirk entdecken und diese fürderhin als Inspirationsquelle für sich nutzen, erstmalig 1971 in »Händler der vier Jahreszeiten«.