Der Zombie-Hype ist nach wie vor ungebrochen. Untote bahnen sich weltweit ihren Weg durch Kino- und Fernsehproduktionen, Literatur und Videospiele. Dass sich Grasshopper Manufacture mit Goichi Suda alias Suda51als Creative Director (Killer7, No more Heroes, Shadows of the Damned und andere) diesem Genre annimmt schien nur eine Frage der Zeit.
Für das Drehbuch von Lollipop Chainsaw wurde der Amerikaner James Gunn ins Boot geholt, der wohl am bekanntesten für seine Drehbücher zu den Hollywood Kinoproduktionen zu beispielsweise Scooby-Doo und der 2004er Neuverfilmung von Dawn oft he Dead ist. Den größten Erfolg als Regisseur heimste er für Slither" ein.
James Gunn als Erfolgsgarant zu Handeln und für Lollipop Chainsaw zu verpflichten, stellte sich meiner Meinung nach als größter Fehler heraus. Zu oft schienen japanisch-amerikanische Produktionen in der Vergangenheit, aufgrund der verschiedenen Mentalitäten zum Scheitern verurteilt.
Im Fall von Lollipop Chainsaw wirkt das Endergebnis wieder alles andere als homogen. Aber das betrifft nicht die Spielbarkeit, sondern, nennen wir es mal Präsentation". Gleich dazu mehr.
Viel Kritik und einiges an Lob wurde Lollipop Chainsaw seit der Veröffentlichung zuteil. Leider war 90% dessen, was an Pro und Kontra aufgelistet wurde vollkommen realitätsfremd. Denn zu sagen: Das Spiel ist geil, wegen Ärsche, Titten und Blut!" oder Das Spiel ist Scheiße weil es Frauenfeindlichkeit" sei, ist zu undifferenziert.
Problem Nr. 1: Die FSK hat Lollipop Chainsaw ab 16 Jahren freigegeben.
Da das Spiel aber nur an zwei oder drei Stellen einen gewisse Gewaltdarstellung bietet und das dargestellte Blut eher glühender Magma ähnelt, würde ich persönlich sogar eine Freigabe ab 12 Jahren in Betracht ziehen. Sicherlich wird mir da nicht jeder Leser zustimmen, doch sollte man bedenken, dass es sich um unrealistische Fantasy-Gewalt in schwarzem Humor gekleidet handelt.
Auch im Bereich Nackte Haut", ist nichts Anstößiges festzustellen. Weder lutscht die Hauptprotagonistin exzessiv am Lolli, noch gibt es doppeldeutige Gestik oder freie Brüste zu sehen. Senkt man die Kamera hinunter, um sich Frau Starlings Unterhöschen genauer zu betrachten, bedeckt sie ihren Schritt mit den Händen. Im Vergleich zu Rumble Roses XX" (FSK 12), wo man sogar Fotos des Intimbereiches der, in Bikinis gekleideten Kämpferinnen schießen kann, ist Lollipop Chainsaw wirklich harmlos.
Das krasse Gegenteil ist dann das, was die Zombie-Gegner verbal vom Stapel lassen. An dieser Stelle wurde aufgrund 5 direkter Zitate aus dem Spiel, meine ursprüngliche Rezension von Amazon zur Veröffentlichung nicht zugelassen! Man bedenke die Qualität der vulgären Sprache, der sich die englischen Synchronsprecher, unterlegt mit deutschen Untertiteln bedienen. Außerdem ist es ein Unterschied, ob in einem Videospiel allgemeine Flüche ausgestoßen werden, oder ob, wie im Fall von Lollipop Chainsaw, die Hauptfigur auf niveauloseste Weise beleidigt wird. Die englischsprachigen Verantwortlichen scheinen keinerlei Verantwortungsbewusstsein gegenüber Jugendlichen zu haben.
Selbst für die Hälfte der enthaltenen Fäkalsprache hätte das Game eigentlich FSK 18 verdient.
Das Schlimmste an der ganzen Angelegenheit wird einem bewusst, wenn man im Net auf etliche Rezensionen stößt, die es positiv als Schwarzer Humor" bewerten.
Um es ganz klar zu sagen: Ich bin kein Moralhüter und absoluter Gegner von Zensur in Videospielen. Aber Herr James Gunn hätte sich den Rotz für einen beinharten Sex-Horror-Shooter aufheben, und nicht Lollipop Chainsaw als naives Fun-Prügelspiel damit ruinieren sollen. Wenigstens gibt es noch eine Hand voll komischer Scherze, die ich für Überbleibsel des japanischen Skripts halte.
Zweiter Punkt, der sich negativ auf den Spielspaß auswirkt, ist die viel zu kurze Spieldauer. Ein geübter Zocker braucht für einen Durchlauf circa 5 Stunden. Hierzu muss aber erwähnt werden, dass man alle Gegenstände erst nach mehreren Durchläufen auf härteren Schwierigkeitsgraden erwerben kann.
Dritter negativer Punkt betrifft die Ausstattung: Meine Version beinhaltete kein Booklet mit Spielinformationen, sondern ein, mit dem Coverdesign bedrucktes Faltblättchen: Auf der linken Innenseite mit Gesundheitsinformationen versehen, und auf der rechten Seite kurze Texte zu X-Box Live, Anschließen und (ironischerweise) Jugendschutz. Die Hülle übrigens in der instabilen Sparversion mit möglichst wenig Plastikverwendung.
Was gängigerweise sonst so an Lollipop Chainsaw kritisiert wird, kann ich nicht bestätigen. Für mich fiel an keiner Stelle die Sichtweise bzw. Perspektive störend aus.
Dem Vorwurf, das Spiel sei nicht blutrünstig und düster genug, kann ich nur entgegensetzen: Ich konnte nirgends Versprechen der Entwickler entdecken, dass Lollipop Chainsaw irgendwelche Blut- oder Gore-Standards brechen möchte. Auf der Verpackung steht lediglich: ...eine Action geladene Fahrt durch ein Zombieverseuchtes Blutbad." Wenn man ohne konkrete Hinweise irgendwelche besonderen Erwartungen hegt, sollte man nicht die Entwickler für seine Enttäuschung verantwortlich machen.
Dies betrifft auch solche Aussagen wie: Lollipop Chainsaw ist scheiße, weil es eigentlich nur ein Prügelspiel mit seltenem Waffeneinsatz ist."
(Keine direkten Zitate, sondern Zusammenfassung oft geäußerter Kritik.)
Wenn man keine 2D-Sidescrolling Shooter mag, dann sollte man sich eben nicht Taitos Darius kaufen - und wenn man keine Prügelspiele mag, dann sollte man Grasshoppers Lollipop Chainsaw meiden.
POSITIVES - Vorsicht, Spoiler!
--Lollipop Chainsaw ist ein knallbuntes 3D-Prügelspiel in schöner Comic-Optik. Rätsel gibt es hier nicht zu lösen und auch keine offene Welt zu erforschen. Bei anderen Games fiele das vielleicht störend aus, aber Lollipop Chainsaw ist spielerisch oldschool und hat das Flair der 16bit Ära. (Kennt noch jemand Zombies ate my Neighbours" für Mega Drive und SNES? Sehr zu empfehlen!) Es liegen sogar Goldtaler zum Aufsammeln auf dem Boden verstreut, wie es in älteren Games Gang und Gebe war. Aus diesem Grund halte ich die ständige Kritik an dem simplen Spielprinzip für unangebracht.
-Die Hauptcharaktere, allem voran Juliet und Nick, sind wirklich sympathisch geraten. Man möchte eigentlich die Zwischensequenzen mit ihnen nie wirklich überspringen.
-Die gute Steuerung und Kollisionsabfrage haben mich überrascht. Ich war durch die vielen Negativkritiken aufŽs Schlimmste vorbereitet. Auch die Kanone, welche man im Lauf der Handlung bekommt, zielt genau und erfüllt ihren Zweck.
-Vereinzelte Shoot-Passagen lockern das Kombo-schwangere Prügelgeschehen ab
- Die Grafik ist zeitgemäß gut und vor allem die Gesichtsausdrücke der Protagonisten ist mehr als überzeugend.
- Viele freischaltbare Features werden geboten, wie neue Bekleidung, Produktionsskizzen oder zusätzliche MP3s zum Zusammenstellen einer Playlist der Lieblingssongs
-Zombiebasketball (Köpfe in den Korb befördern) und Zombiefootball (Man muss Nick mit der Kanone den Rücken frei halten, damit er 3 Homeruns schafft), wirken anfangs etwas befremdlich, aber nach mehrmaligem Spielen, erkennt man langsam ein gewisses Suchtpotenzial.
-Es gibt endlich einen Mähdrescher-Level, in dem man die Feinde mit Untermalung des 80er Hits You spin me around" niedermähen kann - Nicht anspruchsvoll, aber wirklich spaßig!
-4 Stages kurz vor Schluss sind in modifizierter C64-Optik gehalten
-Die für den Soundtrack verwendeten Bands bewegen sich zwischen Punk, Rock und Metal. So gibt es auch beispielsweise es Songs (Keine exklusiven!) von Arch Enemy, Bathory, Children of Bodom, Atari Teenage Riot, The Cordettes, Dead or Alive usw.
-Alle Endgegner bedienen Klischees einer bestimmten musikalischen Epoche. Ihre Kampftechnik ist nicht gerade komplex. Man prügelt und sägt meistens einfach nur drauf los, bis der Endgegner keine Energie mehr hat. Das kann man dumm und langweilig finden, oder man findet es erfrischend hat empfindet einfach Spaß an der Metzelei.
(Ein Wehrmutstropfen am Rande: In der Vikinger-Stage hätte ich zu gerne Satyricons Vikingland" gehört! Und Wednesday 13 fehlt auch... I walked with a Zombie" ist wie für dieses Spiel geschaffen.)
-Etliche Verweise zu Inspirationsquellen gibt es für Film- und Gamefans zu entdecken. So ist die Grundgeschichte um die blonde Cheerleaderin Juliet Starling von Buffy - Die Dämonenjägerin" inspiriert. Der Goth Charakter ist inspiriert von Münchhausen" aus Hideki Takayamas Anime-Umsetzung Urotsukidoji II -Legend of the Demon Womb" von Toshio Maedas Manga.
Auch aus Predator wird zitiert: Wenn es blutet, kann ich es töten."
Oder auch ein Verweis auf Fist of the Northstar": Nachdem Juliet einer Hand voll Zombies auf den Kopf springt, zitiert sie Kenshiro: Ihr seid bereits tot!" und daraufhin stoßen ihre Köpfe regenbogenfarbene Fontänen aus.
FAZIT:
Wer sich an grenzüberschreitender, vulgärer Sprache nicht stört und Games wie Splatterhouse gut findet, sollte hier bei günstigem Angebot zugreifen. Alle anderen sollten es lieber aus der Videothek Probe spielen.
Ps: Es gibt in Europa und Amerika nur diese eine UNGEKÜRZTE Version.
Lesen Sie weiter... ›