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War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch-deutschen Machteliten lautet der Titel einer knappen, aber brillanten Studie, in der Wolfgang J. Mommsen -- vielleicht etwas vorschnell -- Paroli bietet. In einem genauso überzeugenden Plädoyer für den historiografischen Status quo ante degradiert der emeritierte Leiter des Deutschen Historischen Instituts in London den ewig pubertierenden Operettenkaiser, der auf dem diplomatischen Parkett kein Fettnäpfchen ausließ, wieder zum politischen Leichtgewicht und zum "Guillaume le timide", als der er den Franzosen stets galt. Er zeigt, wie Bürgerliche und Konservative aus Furcht vor sozialen Umwälzungen krampfhaft an dem Monarchen festhielten, der trotz der Arroganz eines Herrschers von Gottes Gnaden ungeheure Popularität genoss.
In seiner Abrechnung mit dem antiquierten Beamten-Herrschaftssystem des Kaiserreiches, dass sich zuletzt selbst ad absurdum führte, macht Mommsen Wilhelm II. zur Marionette einer Hofkamarilla aus adeligen Kanzlern und Ministern, die sich bei ihren Entscheidungen gerne hinter dem Monarchen versteckten, nicht ohne ihn wegen seiner Sprunghaftigkeit und Amtsuntüchtigkeit an unsichtbaren Fäden unter Kuratel zu halten. Selbst mit dem Soldatenkönig ist es nach Ansicht des Autors nicht weit her. Er sieht vielmehr den im Verlauf des Ersten Weltkrieges zunehmend depressiven Wilhelm, dem es weniger um Weltmacht als um Anerkennung der europäischen Mitregenten gegangen sei, vielmehr als "Spielball in den Händen der Obersten Heeresleitung" unter dem Kommando von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff.
Wie man an dieser Kontroverse zwischen Mommsen und Röhl sieht, ist das letzte Wort über die neuere deutsche Geschichte längst noch nicht gesprochen. --Roland Detsch -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Mommsen sieht Wilhelm als ein Regent, der zwar moralisch, persönlich und auch charakterlich denkbar schlechte Voraussetzungen für die Kaiserwürde mitbrachte und so als ungeeignet quailifiziert werden muss. Aber Mommsen arbeitet wunderschön heraus, das Wilhelm auch von dent verantwortlichen Männern an der Spitze des Reiches für ihre eigenen machtplotischen Vorstellungen instrumentaliesiert worden ist.
Das läßt sich schön an der Zweiten Marokko-Krise aufzeigen, als der verantwortliche Staatssekretär im Auswärtigen Amt Alfred Kiderlen-Wächter einen Kamikazekurs steuerte, ohne hierzu vorher Wilhelm einzuweihen. Wilhelm wurde erst nachträglich informiert und hat dann deutlich gemacht, das für ihn kein Krieg gegen Frankreich in Frage käme.
Auch bei den Balkankriegen, sind es die Männer im Auswärtigen Amt, die Wilhelm klar machen, er müsse Österreich beispringen.
Dieses Buch trit somit der These Röhl, die er in seiner monumentale Biografie über Wilhelm vertritt, entschieden entgegen. Ein sehr lesenswertes Buch.
Während Röhl in Wilhelm II. den Hauptverantwortlichen der deutschen Innen- und Außenpolitik zwischen 1890 und 1914 sieht und ihm eine "erhebliche Mitschuld" (so ein Interview zum Anteil Wilhelms am Ausbruch des Ersten Weltkrieges) zuschreibt und in Anlehnung eines Terminus von Norbert Elias vom "Königsmechanismus" spricht, weist Mommsen dezidiwert in seinem letzten Werk darauf hin, dass der Anteil der preußisch-deutschen konservativen Machteliten am Anteil der deutschen Politik nicht unterschätzt werden dürfe. Dies stimmt sicherlich.
Dennoch hat mich Mommsens Argumentation nicht ganz überzeugt, denn er belegt in dieser Studie treffend den Einfluss, den Wilhelm II. auf die deutsche Politik hatte. Sicherlich ist es richtig, dass das kaiserliche Regiment sich ab 1906 - und insbesondere mit der sogenannten "Daily Telegraph"-Affäre, die erstmals massive Kritik an dem sogenannten "persönlichen Regiment" des Kaisers laut werden ließ - in der Defensive befand.
Dennoch trug der Kaiser - und darin ist eindeutig Röhl recht zu geben - letztendlich die Verantwortung für die deutsche Politik. Dies stand im Gegensatz zu seinem - sicherlich sehr konservativen - Großvater, der sich - insbesondere im hohen Alter - immer mehr auf Bismarck verließ und selber als "leutseelig-populäres Staatsoberhaupt" (so etwa Volker Ullrich) über den Parteien stand (sein Ausspruch: "es ist schwer, unter Bismarck Kaiser zu sein!" ist legendär geworden)mehr und mehr auf repräsentative Aufgaben zurückzog.
Wilhelm II. wollte dagegen Selbstherrscher sein. Natürlich war der Kaiser nicht an "allem schuld", aber sein Anteil am Weg in den Weltkrieg war evident. Wilhelm II. wußte einen Großteil des Bildungsbürgertums hinter sich - Bürgerstolz und Weltmachtstreben der Eliten trafen eben zusammen, der Kaiser repräsentierte breite Strömungen (wenn auch nicht alle) der deutschen Bevölkerung.
Meines Erachtens haben beide Historiker recht und der "Historikerstreit" Mommsen/Röhl erscheint mir recht akademisch zu sein. Wilhelm II. trug die Hauptverantwortung an der deutschen Politik, sein neo-absolutistisches Staatsverständnis ließ eine Delegation der Verantwortlichkeiten nicht zu. Er war allerdings auch schreckhaft und scheute die Konsequenzen seiner - oft martialischen - Reden. Er wurde falsch beraten. Er war daher nicht "an allem schuld", die Berater und Eliten des Kaiserreiches tragen einen erheblichen Anteil an den Verantwortlichkeiten der Politik des Kaiserrreiches zwischen 1890 und 1918. Darin hat Mommsen recht. Dennoch ist der zentrale Einfluss des Kaisers auf die nach ihm benannte - nämlich wilhelminische Politik - wie es ja auch Mommsen durchaus zeigt - nicht zu übersehen. Ein kindlicher Minderwertigkeitskomplex und seine körperliche Behinderung sind von zahlreichen Historikern - auch Mommsen und Röhl - für die Charaktereigenschaften Wilhelms II. angeführt worden, der jedoch ein "Kind seiner Zeit" blieb. Er war - im Sinne des "Königsmechanismus" durchaus der Hauptverantwortliche und Initiator der deutschen Politik - auch nach der "Daily Telegraph-Affäre" 1908. Richard Ned Lebow hat nachgewiesen, dass in der Außenpolitik eine eigenständige Meinung der Diplomaten nicht geduldet wurde - sie mußten der Reichsleitung und dem Kaiser "nach dem Mund reden". Röhl zeigt dies auch für den Hof und die Hofgesellschaft Wilhelms II. auf. Auch Mommsen betont, wie Wilhelm II. bereits unmittelbar nach seiner Thronbesteigung daranging, seine Hofgesellschaft personell umzugestalten und sich "auf diese Weise ein gefügiges Umfeld" zu verschaffen (S. 26). Er duldete nur Ja-Sager und keinen Widerspruch. Aufgrund der halbkonstitutionellen Verfassung des deutschen Kaiserreiches, vom "weißen Revolutionär" Bismarck geschaffen, gab es letztlich keine Gegengewichte gegen den Kaiser. Zwar bleibt zweifelhaft, ob eine parlamentarische Monarchie nicht ebenfalls ein gigantisches Flottenprogramm gegen England aufgelegt hätte - der Einfluss des "persönlichen Regiments" des Monarchen wäre allerdings in einem solchen Fall begrenzt worden. Und hier gilt, was der deutsche Admiral Albert Hopman im Oktober 1918 schrieb: "Es ist gekommen, wie ich vorausgesehen, nicht nur in den letzten Wochen, sondern lange lange vorher. Was Deutschland in den letzten 3 Jahrzehnten gesündigt hat, muss es büßen. Es war politisch erstarrt durch das blinde Vertrauen, die sklavische Unterordnung unter den Willen eines in Eitelkeit und Selbstüberschätzung strotzenden Narren." Diese zentrale Feststellung Röhls aus seinem Aufsatz: "Kaiser Wilhelm II: Eine Charakterskizze" in seinem Buch: "Kaiser, Hof und Staat" ist völlig korrekt. Natürlich war der Kaiser "nicht an allem schuld." Der Versuch Mommsens ist dennoch nicht zu übersehen, die Verantwortung des Kaisers geringer zu werten, als sie es tatsächlich gewesen ist. Insofern neige ich in dem Streit Röhl zu. Allerdings scheinen mir beide Positionen zu überspitzt zu sein, wie oben angedeutet. Die "Wahrheit" dürfte wohl eher in der Mitte beider Positionen liegen.
Für alle Interessierte der wilhelminischen Epoche ist das Buch - wie auch die Bücher von Röhl - unverzichtbar. Als Einführung sind Röhls: "Kaiser, Hof und Staat", das vorliegende Werk von Mommsen sowie das von Lothar Gall herausgegebene: "Otto von Bismarck und Wilhelm II." neben Wehlers Klassiker zum deutschen Kaiserreich nach wie vor die besten Einführungen zum Thema.
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