Nach erstem Durchlauf und dem daraus resultierenden ersten Eindruck, ist WARCHILD ein noch immer stark an das mißglückte Konzeptalbum A PASSION PLAY erinnerndes Relikt. Laut Ian Anderson sind Passion Play und WARCHILD thematisch eng mit einander verbunden. WARCHILD ist sozusagen der zweite Teil der
A PASSION PLAY - Saga, welche sogar als Film geplant war, aber wie immer am Geld scheiterte. Die ersten beiden Songs WARCHILD und QUEEN AND COUNTRY erscheinen anfangs immer noch wie Überbleibsel aus den katastrophalen "Chateu d' Herouville" - Sessions, später von Anderson scherzhaft "Chateau d'saster" genannt, aus dessen Asche das unselige A PASSION PLAY entstand. Die besagten Songs klingen teilweise wie die albumumspannende Suite des Vorgängeralbums: Disharmonisch und unmelodisch, teilweise sogar kakophonisch, sind dennoch aber gut gemacht.Ignoriert man die ersten beiden Songs, bzw. den ersten Eindruck, den man von diesen hat, so ist WARCHILD immer noch ein sehr mutiges und herausragendes Konzeptalbum, welches lose am Vorgängeralbum anlehnt, aber dennoch offener ist. Auch die Songs BACK DOOR ANGELS und SEALION klingen sehr düster und bombastisch, sind vom Gesang aber melodischer und rhythmisch nicht so abgehackt wie die beiden ersten Songs des Albums. Man muss BACK DOOR ANGELS und SEALION zu den härtesten Nummern der Band einordnen, so wie ein Jahr später BLACK SATIN DANCER von MINSTREL IN THE GALLERY. Die beiden luftigen Singleauskopplungen SKATING AWAY und BUNGLE IN THE JUNGLE sind neben SEALION und BACK DOOR ANGELS absolute Juwelen des Albums. BUNGLE IN THE JUNGLE klingt herrlich frisch und unbekümmert, ebenso wie die akustische Nummer SKATING AWAY, mit seinem lustigem Intro, bei welchem Anderson am Frühstückstisch sitzt und sich Tee einschüttet und dabei die Melodie des Songs vor sich her summt.
Weitere Höhepunkte sind zweifelsohne THE THIRD HOORAH mit seiner sehr folkloristisch gehaltenen Grundmelodie, welche zum Ende hin vom Dudelsack und Ian Andersons Stimme vorgetragen wird (wer hätte gedacht, dass der Derwisch auch dieses Instrument beherrscht?), sowie TWO FINGERS, welches insofern ungewöhnlich ist, da es sich hierbei um eine variierte Bearbeitung des Songs LICK YOUR FINGERS CLEAN von der remasterten Ausgabe von AQUALUNG handelt. Der Text von LICK YOUR FINGERS CLEAN wurde unverändert belassen, die Grundmelodie ebenfalls, dennoch wurde dieses Stück vollkommen umarrangiert und umstrukturiert, ehe es zum wesentlich anspruchsvolleren TWO FINGERS wurde. Als dominante Instrumente wurden nämlich Akkordeon und Akustikgitarre verwendet, wohingegen man beim Ausgangsstück auf Klavier und Flöte setzte, welche aber bei TWO FINGERS ebenfalls nicht zu kurz kommt, ebensowenig wie die E-Gitarre. Besonders lobenswert sind an dem Album aber die zahlreichen Bonustracks (sieben an der Zahl!), als da wären: Das an THE HARE WHO LOST HIS SPECTACLES erinnernde SEALION II mit Jeffrey Hammonds Sprechgesang, das sehr klassisch gehaltene, ausschließlich auf das Orchester und Andersons Querflöte beschränkte WARCHILD WALTZ und das genial jazzige Instrumental QUARTET, sowie die coole Rocknummer RAINBOW BLUES. Ähnlich wie auf PASSION PLAY spielen auch hier noch das Saxofon und der Synthetizer eine entscheidende Rolle, sind allerdings nicht mehr so penetrant wie auf erstgenanntem. Alle Instrumente sind hier gleichberechtigt, ebenso wie die doch sehr üppige und bombastische Orchestrierung, welche das Album aber umso schwerer im Magen liegen lässt, da sie nicht so dezent und gefühlvoll eingesetzt wurde, wie später auf MINSTREL IN THE GALLERY, sondern hier nur der Dramatik diehnte. Für Einsteiger in Sachen Tull ist das Album nicht zu empfehlen, da es immer noch sehr schwer im Magen liegt und noch viele Querverweise zu PASSION PLAY besitzt. Ausserdem klingt es, wie bereits erwähnt recht kakophonisch und disharmonisch und nicht so ausgewogen, wie die Mehrzahl der Tull-Veröffentlichungen. Die Band zieht hier allerdings das volle Register ihres Könnens und streift wirklich ALLE Musikrichtungen. SEHR UNKONVENTIONELL UND ÜPPIG!