Auch wenn im Blätterwald bereits hier und da die ersten neidischen Unkenrufe ertönen, wir haben es bei Rufus Wainwright mit einem wachechten Genie zu tun und können mit dem Begriff ausnahmsweise mal leichtfertig umgehen, denn die Musik lässt keine anderen Schlüsse zu.
Neuer Geniestreich?
Mehr noch als der fantastische Vorgänger und Teil 1 des getrennten Doppelalbums "Want", fängt "Want Two" mit schwerer Kost an. "Agnus Dei", eine Art Choral, der Gott um Vergebung bittet, ist ein mit wenigen lateinischen Worten auskommendes Opus, an Schönheit kaum zu überbieten und mit Instrumenten wie dem Cimbalom (aus Ungarn) aufgenommen. Pop tausend Jahre alt und doch ca. 1000 Jahr allem anderen voraus. Was bei anderen eine der mutigsten Entscheidungen des künstlerischen Lebens darstellen würde, scheint bei Wainwright Normalität.
Die Queen der Queens
Auf "Agnus Dei" folgt der federleichte und eher weltliche Pop von "The One You Love", immer noch exeptionell, aber nicht ganz so überirdisch wie der Opener. Bei "Peach Trees" offenbart sich dann Wainwrights einziger Makel, der später noch etwas deutlicher wird. Sein einzigartiger, schlurfiger Gesang verleitet ihn desöfteren dazu die Töne doch arg zu strapazieren. Aber wer dann seine Texte hört, ist schon wieder hin und weg. Außerordentlich! Bekennend schwul und bekennend genial breitet sich das Multitalent in jedem seiner Songs aus, weht mit der Feder-Boa, setzt sich, schlägt die Beine übereinenander, hebt sein Kinn und scheint stets zu denken: Hört her, DAS sind meine Songs. Und dennoch gibt jeder Song wenig Anlass dazu zu glauben, dass es sich hier um einen Show-off-Rocker handelt. Dazu sind Nummern wie "Little Sister" einfach zu schön. Speziell dieses erinnert höchstens noch an "Millionaire Waltz" aus Queens besten Tagen. Wer reimt schon "Ave" auf "but hey"?
Gay Messiah
Wie perfekt dieser junge Mann ist, zeigt sich bei "The Art Teacher", welches, obwohl es live aufgenommen wurde, sich perfekt einreiht in die opulenten Werke, die "Want Two" ansonsten beherbergt. Beruhend auf Tonnen von Klassik und Oper, textlich basierend auf Werken von längst vergangenen Schriftstellern und mit einem Lebensgefühl aus dem New York, London, Berlin und Paris der Zwanziger und Dreißiger Jahre verführt uns Wainwright in eine Welt, die gänzlich seine eigene ist. Nichts klingt antik, nichts verstaubt, aber alles verzaubert. Ein sprichwörtlicher Messias ist er, ein Engel auf Erden mit einer engelsgleichen Stimme und Talent für das man einen extra Koffer braucht. Live bitte nicht verpassen, erst als Vorprogramm von Keane und dann noch mal alleine. Seufz.