Zugang ist das Zauberwort der Gegenwart. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Pop so langweilig geworden ist. Noch zu Zeiten von Punk war es einfach, jenseits von Verkaufseinheiten und Business-Plan sich Gehör zu verschaffen. Zurzeit scheint Pop dagegen in erster Linie Assessment-Center-Laboratorium zu sein: Kinder,antreten vor dem Entscheidungstisch der dicken Männer - so ist der Pop und die Welt draußen ist auch nicht anders. Von subversiver Kraft bleibt nichts, wo sich "Wir sind echt Julimond" auf irgendwelchen Nachwuchscontests "nach oben rocken", das Geschäft "von der Pieke auf" in der Pop-Akademie Mannheim gelehrt wird und selbst Bands mit Namen wie "Massengrab" für jedes noch so kleine Clubkonzert schön ihr Bewerbungstape abgeben, und morgen haben wir noch ein Bewerbungsgespräch mit dem Clubbesitzer, vielleicht klappt's ja.
Wer nach oben will und sonst nichts, der ist von aufregender Kunst sehr weit weg. Und hier kommt Rufus Wainwright ins Spiel. Sein Weg ist der des Königskindes. Mama und Papa hochangesehene Songwriter, schon in jungen Jahren sang er Bachground bei Aufnahmen der McGariggles. In Interviews ließ seine Mutter dann auch keine Gelegenheit aus, das Genie ihres Sohnes zu preisen und von seinem Hang zu selbstkomponierten Opern zu berichten. Als es 1998 mit der ersten Platte losging, standen ihm Van Dyke Parks und Lenny Waronker zur Seite. Auf den späteren Alben kamen andere Promi-Kinder zum Einsatz: neben Schwester Martha der Sohn von Linda und Richard Thompson, Teddy und Jenni Muldauer. Der bunteste Reigen aber ist die letzte Solo-Platte von Linda Thompson, wo sich junge (Teddy Thompson, Rufus und Martha Wainwright, Eliza Carthy) und alte Generation (Richard Thompson, Joe Boyd, Richard Kirby, Danny Thompson, Martin Carthy) zusammenfinden. Und wie schreibt Linda Thompson über ihren Sohn Teddy: "Teddy's brilliance as a writer and musician inspired me. I love and admire him beyond reason." Die Künstler-(Kleinfamilien)-Kolonie als letztes Refugium kreativer Freiheit.
"Want One + Two" sind Werke des sich Verausgabens, der Verschwendung. Sie schrecken textlich und musikalisch vor Übertreibungen, Grenzüberschreitungen, Kitsch, Überladenheit nicht zurück. Es sind mutige Entwürfe ohne Selbstbeschneidungen. Die Stimme singt Oper, auch wenn sie es vielleicht nicht hergibt. Es entsteht ein spannungsgeladene Stimmung zwischen Überanstrengung und dekadentem Ennui. Dabei riskiert "Want Two" noch mehr, gewagter sind die Arrangements, auf schnelle Wiedererkennbarkeit wird weitgehend verzichtet.
Man merkt Wainwright an, dass er nicht um den Eintritt betteln musste. Selbstbewusst spielt er das Spiel nach seinen Regeln. Ich werde die Augen aufhalten nach neuen Platten, an denen Königskinder wie Martha Wainwright, Eliza Carthy oder Teddy Thompson beteiligt sind. Alles nur Projektionen? Bestimmt, aber die Ergebnisse klingen gut.
Und jetzt zum guten Abschluss noch eine nützliche Information: Warum auch immer, Univeral/Geffen/Dreamworks haben auf der in Deutschland standardmäßig auf dem Markt befindlichen US-Version die beigelegte Konzert-DVD mit dem US-Länder-Code versehen. In Deutschland können deshalb einige DVD-Spieler die DVD nicht lesen. Es gibt aber eine allerdings etwas teurere Abhilfe des Problems (von der übrigens der Universal-Kunden-Dienst nichts weiß): Man sollte nach der Kanada-Version suchen. Hier macht die DVD keine Probleme und zusätzlich gibt es noch zwei sehr schöne Bonus-Tracks: "Coeur de Parisienne" und "Quand vous mourez de nos amours"(mit Kate und Anne McGarrigle).