Wow!Tief Luft holen...
Nach dem Durchlaufen der ersten 3 Nummern braucht man
erstmal eine Pause. Was zum Teufel passiert hier? Was ist das?
Wer bin ich überhaupt? Was geschieht mit mir?
Dann schau ich nochmals aufs Cover - "Oh, what a world!".
Treffender kann man diese Musikwelt nicht beschreiben, die Rufus Wainwright hier im wahrsten Sinne "erschaffen" hat.
Alles scheint irgendwie überkonstruiert, bombastisch aufgeblasen, mit Chorgesängen vollgestopft und die Klassik butterweich daruntergerührt.
Dazu croont Wainwright manilow-like (nicht zurückschrecken! Barry Manilow! Auf "I don`t know what it is" höre ich dies mehrmals durch, ebenso findet man darin die Stimmlage des älteren Billy Joel).
Aber es funktioniert - und wie! Das packt einen und fährt dorthin, wo viele den Sitz ihrer Gefühle vermuten.
Alles ist in Bewegung, man denkt an mitterliche Hochadel-Tanzfeste, aufdenen sich der Reichen Klassik mit der vitalen Folklore der Bettler vereint, auch das wäre niemals möglich gewesen.
Dann scheint er uns, und wahrscheinlich auch sich (ich tippe
auf eine manische Persönlichkeit), eine Pause zu gönnen:
"Movies of Myself und Pretty things" sind eher in den Kategorien "Na-Ja" bis "Es geht" angesiedelt.
Dann aber kommt er wieder mächtig zur Sache - das
anfangs schleppende "Go or go ahead" entwickelt zeitlupenhaft einen geheimnisvollen Sog der sich in einem extatischen Finale entlädt und wie selbstverständlich an die mehrstimmigen Vocals der besten Queen-Songs erinnert (natürlich ohne die Rockgitarren!).
"Vibrate" ist flüssiges Gold, Balsam in Noten für träumerische Seelen und danach der wippende Happy-Sound von "14th Street", an dem auch ABBA-Fans ihre Freude hätten, wieder Beweis dafür, wie gründliche Wainwright seine Plattenschrank durchwühlt hat.
Das Juwel dieser CD im baladesken Bereich ist, wie schon ein Kritiker zuvor bemerkt hat, das erhabene "Natascha", symphonischer Pop der Sonderklasse, warmherzig und berauschend.
Die außergewöhnliche Vielfalt dieser Platte beweisst eindrucksvoll die nervöse,flippige und vertrackte Songstruktur von "Beautiful Child".
Der vorletzte Titel müsste eigentlich das logische Ende dieses ungewöhnlichen und meisterhaften Werkes sein, "11:11" kommt wie die meisten der Aufnahmen von Wainwrigth ohne hitverdächtige Hookline aus, bei ihm entfaltet sich die Schönheit eines Liedes immer über die gesamte Länge eines Stückes.
Natürlich kann diese Rezession kein Ende finden, ohne die Stimme dieses Mannes unberücksichtigt zu lassen, den Enthusismus seiner Ausdrucksweise, in allen Tonlagen Herrscher und Gebieter seiner breiten Vocalkunst, vielleicht aber vergisst man dann in seiner Euphorie, was sich hinter seinen Songs versteckt und sich erst nach vielfachen Anhören in seiner ganzen Größe offenbart:
Ein unglaubliches Singer/Songwriter-Talent, das das Zeug zum Superstar für Intellektuelle Musikliebhaber hat.