Im Gegensatz zu einem der vorherigen Rezensenten kann ich den Vorwurf der Leichenfledderei nicht teilen. Als jemand, den Coyne in seiner Jugend lange Jahre begleitete, der einige Konzerte sah und andere mit dem Cassettenrecorder im Radio mitschnitt, kann ich den Vorwurf, bei den hier compilierten frühen Veröffentlichungen würde es sich um minderwertiges Zeugs handeln, welches den sog. Nürnberger Aufnahmen qualitativ nachsteht, so gar nicht nachvollziehen. Ich weiß, die Meinungen gehen da auseinander - für mich hingegen ist das Spätwerk nur in Ausnahmen (die CD Kocking on my brain mit Tom Liwa z.B.) zu genießen. Die deutsche Begleit-Band (die ich auch live sah) hinkte für mich manchen der frühen Besetzungen deutlich hinterher. Aber die einen sagen so und die anderen sagen so...
Die Box bietet einige der alten Songs in remasterten und alternativen Versionen (Single A + B-Seiten etc.); die Auswahl finde ich ebenfalls geglückt - zumindest nicht so, dass man hier - wie einer meiner Vorredner - von Resteverwertung reden sollte. Auch wenn die verstörende Kargheit des Frühwerkes für Freunde des - meines Erachtens - leichter konsumierbaren Spätwerk etwas gewöhnungsbedürftig sein mag, schätze ich dieses persönlich mehr. Und das Kevin Coyne seine Songs nicht für High End-Fetischisten eingespielt hat, dürfte eh jedem klar sein.
Die Live-CD der Box wartet nicht nur mit (Auszügen aus) zwei bislang regulär unveröffentlichten Konzerten auf, sondern hat auch ihren ganz eigenwilligen Reiz: Es handelt es sich um zwei Radiokonzerte, die genau so auf CD gepresst wurden, wie man sie wohl in den 70-ern auch im englischen (BBC-)Radio hören konnte: Die Ansagen der Moderatoren zu den Songs sind noch vorhanden, teilweise wird auch vor bzw. zwischen den Titeln Biographisches zu Coyne erzählt (so z.B die Info, das er Sozialarbeiter war, was der wahre Fan natürlich weiß, aber damals eben nicht jeder Radiohörer wusste). Genau so hätte man die beiden Konzerte vor einigen Jahrzehnten wohl auch selbst mit dem Cassettendeck mitgeschnitten. Ich finde, dass hat seinen ganz eigenen Charme... Dass in beiden Konzerten großteils dieselben Titel zu Gehör gebracht wurden, finde ich nicht so schlimm... die Versionen der Songs und die Atmosphäre der Konzerte sind zudem unterschiedlich, so dass ich mit dieser Dopplung gut leben kann.
Fazit: Hier gibt es zu einem okayen Preis eine gelungene CD-Box, deren einziges Manko die Tatsache ist, dass sie leider im normalen CD- und nicht Buch-Format erschienen ist - die Beiträge und Fotos im Begleitheft sind liebevoll zusammengestellt, da hätte man an der Ausstattung nicht geizen müssen (aber teurer wäre es wohl geworden). Auch wenn Coyne-Neulinge für die Einführung in dessen Werk zu einem normalen Sampler greifen sollten, handelt es sich hier um eine Veröffentlichung, die jedem ans Herz gelegt sei, der diesen eigenwilligen Sänger mit seiner waidwund-verzweifelten Stimme schätzt und der zur Übersicht eine Box erwerben möchte, die neben remasterten Versionen auch ein paar Raritäten, Variationen sowie historische Konzertmitschnitte in ihrer ursprünglichen Radio-Sendeform bietet.