Wolfgang Seidel ist mit "Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?" ein unterhaltsamer Streifzug durch die Weltgeschichte von der Eiszeit bis in die allerjüngste Vergangenheit (Anfang 2010) gelungen, der interessierten Laien einen groben Überblick über die wichtigsten welthistorischen Entwicklungslinien bietet, aber auch einige Lücken und Unzulänglichkeiten aufweist. Das Buch ist grob nach den großen Epochen der Menschheitsgeschichte gegliedert (z. B. "Die Geschichte der Antike ca. 500 v. Chr. bis 300 n. Chr.") , die nach geographischen Kriterien in kürzere Zeitabschnitte unterteilt sind (z. B. "Rom in der Kaiserzeit"). Zu jedem Kapitel gibt es jeweils mehrere überschaubare Artikel (in der Regel 1/4 bis 1 Seite), die unter einem schlagwortartigen Titel in Kürze die wichtigsten Informationen zum Thema bietet.
Positiv hervorzuheben ist unbedingt der gut lesbare Schreibstil des Autors. Seine Sprache ist relativ einfach gehalten, vor allem aber schreibt er anschaulich und mit viel Witz. Anstatt einfach nur knochentrockene Jahreszahlen aneinanderzureihen, ordnet Seidel jedes Ereignis in den historischen Kontext ein und stellt zahlreiche Verknüpfungen her, an denen sich auch der historisch weniger beflissene Leser "entlang hangeln" kann. Große Zusammenhänge werden so besser überschaubar. Dank zahlreicher Verweise auf Technik-, Wissenschafts-, Literatur-, Geistes-, Kunst- und Wortgeschichte wird die Bedeutung und Nachwirkung bestimmter Ereignisse, Personen und Epochen deutlich, längst vergangene Zeiten werden lebendig. Auch an Anekdoten mangelt es nicht. Beim Lesen hat man mitunter das Gefühl, Seidel plaudere aus dem Nähkästchen, wenn er etwa berichtet, wie die Sitte, mit der Gabel zu essen, vom hochkultivierten byzantinischen Kaiserhof in rauere mitteleuropäische Gefilde vordrang. Seidel knüpft aber auch immer wieder an allgemein Bekanntes an und baut systematisch darauf auf. So bekommen auch Leser ohne großes Vorwissen zumindest einen groben Überblick über den Lauf der Geschichte.
Einem Anspruch, den sich der Autor selbst stellt, kann er jedoch nicht ganz gerecht werden, denn im Vorwort schreibt Seidel: "Wir leben heute in einer globalisierten Welt, [...] doch fällt es uns schwer, einen einzigen chinesischen Kaiser mit Namen zu nennen. Aber die Sache wird anschaulich und überaus interessant, wenn wir die eigene, deutsche und europäische Geschichte betrachten und erfahren, was gleichzeitig 'in der Welt los war'. Diesen Überblick möchte dieses Buch geben." Und eben das gelingt nur bedingt. Zwar bemüht sich Seidel, auch auf außereuropäische Kulturkreise einzugehen, aber über chinesische Kaiser erfahren wir dennoch nur relativ wenig. Während der nahöstlich-islamische Kulturkreis noch halbwegs gut abgedeckt ist, will etwa bei China und Indien, wo heute zusammen ein Drittel der Weltbevölkerung zu Hause ist, einfach kein geschlossenes Bild entstehen - zu knapp sind die Artikelchen, die teils mehrere Jahrhunderte auf einmal abhandeln. Über das "Goldene Zeitalter Indiens" (Seidel) unter der gut 200 Jahre andauernden Gupta-Herrschaft erfahren wir auf einer knappen halben Seite weniger als über die Cluniazensische Reform des Klosterlebens und des Papsttums in Europa, die etwa doppelt so viel Raum einnimmt. Auch sonst beschränken sich die Auskünfte über die außereuropäische Welt oft auf Namedropping oder ein paar Erfindungen. Über die Geistesgeschichte des Fernen Ostens lernt man fast nichts, und auch einen roten Faden etwa der chinesischen oder indischen Geschichte bekommt man nicht wirklich aufgezeigt. In dieser Hinsicht ist Seidels Herangehensweise leider eher eurozentrisch zu nennen.
Nicht dramatisch, aber unnötig, sind die kleinen Fehlerchen, die sich hier und da eingeschlichen haben. Um nur einige Beispiele zu nennen: Alexander der Große ließ sich nie offiziell auf Münzen abbilden (S. 112), das Münzbildnis sollte Herakles darstellen; die Namensänderung von Saulus zu Paulus (S. 138) ist eine Legende und nicht belegt; die Straßburger Eide sind nicht der älteste (althoch)deutsche Text (S. 183), solche gab es schon früher; Ludwig XVI. war nicht der letzte französische König (S. 199), das war Louis Philippe; das Sultanat von Delhi wurde nicht von Timur zerstört (S. 223), sondern über 100 Jahre später durch Babur; der am längsten regierende russische Zar war nicht Iwan III. (S. 281), sondern Iwan IV. der Schreckliche; die Staatsbezeichnung "Österreich-Ungarn" kam erst nach dem Österreich-Ungarischen Ausgleich von 1867 auf und nicht nach den Erhebungen von 1848 (S. 343) usw. Auch einige Anachronismen (z. B. der "belgische" Diplomat de Ligne auf dem Wiener Kongress - Belgien entstand erst 15 Jahre nach dem Kongress) sind vermeidbar, und bei einem so heiklen Thema wie dem Nahostkonflikt sollte mit Zahlen vorsichtiger umgegangen werden, denn wenn Seidel behauptet, westlich des Jordans stellten Araber heute nur noch 20 % der Bevölkerung, dann trifft das nur auf den Staat Israel zu und lässt die Palästinensischen Autonomiegebiete außen vor (insgesamt sind es nämlich fast 50 % Palästinenser). Dass auf rund 430 Seiten nicht auf nähere Zusammenhänge eingegangen werden kann und vieles daher stark vereinfacht dargestellt wird, ist dagegen unumgänglich und kann dem Autor auf keinen Fall zur Last gelegt werden. Umso wünschenswerter wäre aber ein Literaturverzeichnis gewesen, in dem wenigstens einige Überblickswerke zu den wichtigsten Epochen und Regionen genannt ist.
Fazit: "Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?" bietet Geschichtsinteressierten eine kurzweilige populärwissenschaftliche Lektüre, die dem Leser grundlegende Zusammenhänge aufzeigt und viel Wissenswertes mitgibt. Leider wird das Buch seinem globalen Anspruch nicht wirklich gerecht - auch wenn sich Seidel bemüht, außereuropäische Geschichte zu berücksichtigen. Wer aber historisches Grundwissen auf anschauliche und unterhaltsame Weise vermittelt bekommen möchte und dabei bereit ist, über den europalastigen Fokus und einige kleinere Ungereimtheiten hinwegzuschauen, dem sei Seidels Buch allemal wärmstens ans Herz gelegt.