"Man spürt, daß eine edle, wahrhaft dichterische Seele von der Art Walsers in unserer Welt nicht leben kann." So Max Brod als Résumé aus der Lektüre der Aufzeichnungen von Carl Seelig. Aufzeichnungen, die er für meisterhaft hielt. Man kann sogar noch weiter gehen: Ohne diese "Wanderungen mit Robert Walser" ist der Dichter des "Jakob von Gunten", der "Geschwister Tanner" und der anderen Werke nicht zu verstehen.
Carl Seeligs Aufzeichnungen zeigen einen ganz unverstellten Walser, der in der Heilanstalt Abschied von der Literatur genommen hat - und doch in den Gesprächen mit dem ihn betreuenden Freund so weise und originelle Meinungen dazu und nicht nur dazu hat.
So formuliert er auf einem der langen Spaziergänge durch seine Schweizer Heimat: "Die alltäglichen Dinge sind so reich und schön genug, um aus ihnen dichterische Funken zu schlagen." Von den Kollegen steht ihm Dostojewski nahe und Eichendorff und natürlich Gottfried Keller, während er über Rilke eine außergewöhnliche Meinung hat. Er "gehöre auf den Nachttisch der alten Jungfern". Mit Hermann Hesse hat er es auch nicht so. Auch deshalb nicht, weil die Zeitgenossen ihn "auf seinem Buckel...lautlos herunterrutschen" ließen.
Und über sich selbst: "Wissen Sie, warum ich als Schriftsteller nicht hochgekommen bin? Ich will es Ihnen sagen: Ich besaß zu wenig gesellschaftlichen Instinkt. Ich habe der Gesellschaft gegenüber zu wenig geschauspielert." Das hat er wirklich nicht - und vielleicht oder gerade das macht die Qualität seiner Bücher aus.
Mit seinem Leben im Irrenhaus war er eigentlich ganz zufrieden, ließ er Carl Seelig wissen. "Mir war es so wohl genug. Nur wenn meine Mitpatienten zu essen bekamen und ich nichts, wurde ich ein bisschen giftig. Aber dieses Gefühl wurde allmählich gedämpfter. - Ich bin überzeugt, daß Hölderlin die letzten dreißig Jahre gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eines daraus".
Aus seinem "bescheidenen Winkel" heraus hatte Walser seine Sicht auf die Dinge der Welt. Dies betrifft Land und Leute den Krieg und die Politik und auf die Literatur. Er liebt Essen und Trinken und das Wandern und schaute gern auch einmal auf weibliche Schönheit: "Was für ein lieblicher Ausblick, solche Mädchenbeine... Das reinste Gedicht...".
"Schriftsteller ohne Ethik verdienen durchgeprügelt zu werden. Sie haben sich gegen ihren Beruf versündigt." Er hatte eine "Ethik". Vielleicht war Robert Walser gerade deshalb ein Dichter.
So ist das ganze Buch eine wahre Schatzkammer an Sentenzen, Äußerungen und Meinungen - und alle sind sie zitier-würdig.
Bei all dem zu diesem wunderbare Buch sein der Autor nicht vergessen. Carl Seelig war sehr um Robert Walser bemüht. Er war für den Dichter und seine letzten Lebensjahre ganz, ganz wichtig. Denn: "Ohne Liebe ist der Mensch verloren." Freunde waren sie am Ende. Ihm sind diese herrlichen Aufzeichnungen, die uns so sehr viel von Walser erfahren lassen, zu verdanken. Sie sind nicht nur authentisch, sie sind in ihrer Art auch Stück Literatur. Und ein wichtiger Beitrag zur Literaturgeschichte - über und um Robert Walser.