Kreta zu erwandern ist wohl die schönste und intensivste Art, die reiche Natur und Kultur dieser Insel kennenzulernen.Ein guter Wanderführer ist dabei unabdingbar, denn sonst wären die reizvollen Touren wohl kaum zu finden. Der auf Kreta Ost spezialisierte Wanderführer aus dem Rother-Bergverlag bietet nach unserem Wissen unter den auf dem Markt verfügbaren Führern die größte Auswahl an Tourenvorschlägen für diese Region Kretas. Das Büchlein ist hübsch aufgemacht, im Format kompakt und passt daher auch in die Wanderhosentasche. Jede Tour ist mit einer kleinen Skizze versehen, die allerdings nach unserer Erfahrung zu grob ist, um wirklich hilfeich zu sein. Auf eine detaillierte Übersichtskarte mit Wanderwegen wurde verzichtet, was wir als Nachteil empfunden haben. Die Autoren bemühen sich auch um eine Einstufung der Touren nach ihrem Schwierigkeitsgrad (blau, rot, schwarz), die wir allerdings nicht immer nachvollziehen konnten. Mit ihrem Buch sprechen die Autoren in erster Linie eine Zielgruppe von Wanderern an, die über die Begabung verfügen muss, ihre Touren in die (kaum verfügbaren und oft nicht sehr zuverlässigen) Busfahrpläne der unterschiedlichsten Regionen zu integrieren. Wer auf diese Weise möglichst viele Touren in verschiedenen Gegenden machen möchte, dürfte hier bald auf unüberwindliche organisatorische Hindernisse stossen. Dementsprechend sind wir vornehmlich solchen Wanderern begegnet, die den Ausgangspunkt ihrer Wanderung mit einem Mietauto erreichten. Da sie natürlich am Ende wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren müssen, sind sie vorwiegend an Rundwanderungen oder Hin-/Rückwanderungen interessiert, die leider in dem Buch unterrepräsentiert sind.
Den tatsächlichen Wert eines Wanderführers ermisst man aber am besten in der Praxis, wozu wir kürzlich während unseres zweiwöchigen Urlaubs in Ostkreta Gelegenheit hatten. Da wir seit vielen Jahren unsere Urlaube damit verbringen, die Kanarischen Inseln oder Mittelmeerinseln zu erwandern, verfügen wir über einige Erfahrung mit Wanderführern. Um es vorweg zu sagen: Wir haben mit Hilfe des Rother-Wanderführers unser Ziel immer heil erreicht und herrliche Landschaften entdeckt. Dennoch weist das Buch erhebliche Schwächen auf, die gelegentlich sogar ärgerlich waren. Generell erscheinen die Wegbeschreibungen sehr grob und der Sprachgebrauch der Autoren gab häufig zu Missverständnissen Anlass. Die Zeitangaben sind oft nicht zuverlässig und beziehen sich in der Regel auf größere Wegabschnitte. Als Orientierungspunkte wurden nicht selten mit der Zeit veränderbare Wegmarken verwendet, z.B. „renovierte Häuser" oder ein „Olivenbaum, der fast mitten auf einer Schotterstraße" steht. Da das Buch 1998 erstmals erschien, bleibt es nicht aus, dass solche Orientierungspunkte inzwischen bisweilen nicht mehr nachvollziehbar sind. Dies ist uns gleich mehrfach passiert, was regelmäßig zu erheblichen Zeitverlusten geführt hat. Hier hätten die Autoren durch die regelmäßige Angabe von Zwischenzeiten („nach fünf Minuten erreichen wir...") eine wesentlich bessere Hilfe geben können. Am Beispiel einer Schluchtwanderung machten wir die Erfahrung, dass die Autoren auf potenzielle Gefahren nicht ausreichend hingewiesen haben. Die als recht problemlos beschriebene Tour durch die Kritsa-Schlucht erwies sich bald als eine mit kleineren Kletterpartien behaftete Wanderung, auf der man sich, wie zahlreiche Einheimische bestätigten, leicht verletzen kann („many broken legs"). Insbesondere kleinere Menschen können hier Probleme bekommen. Als fahrlässig haben wir es empfunden, dass die Autoren bei dieser Wanderung einen geradezu gefährlichen Fehler völlig unerwähnt ließen. Wer nämlich die „Verzweigung des Bachbettes", die in Wahrheit nur der Abzweig eines kleinen, völlig überwucherten Nebenbachbettes ist, übersieht, gerät in der Kritsa-Schlucht an immer gefährlichere Kletterpartien und steht letztlich vor einer unüberwindlichen Felswand. Der dann bereits eingetretene Zeitverlust kann dazu führen, dass er den Ausgang der Schlucht nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreicht. So trafen wir bei dieser Wanderung in einer Taverne am Ziel viele frustrierte und schimpfende Wanderer an, die ein rotes Büchlein in der Hand hatten: Die Mehrzahl hatte sich in der Schlucht verlaufen, einige hatten sich dabei ihre Beine übel zugerichtet.
Fazit: Ein Buch mit schönen Tourenvorschlägen, als Ideengeber bestens geeignet, aber bei der Wanderung selbst wegen ungenauer und missverständlicher Angaben leider nur mit sehr viel Vorsicht und Abenteuermut zu genießen. Sicherheitshalber empfiehlt es sich, mit Zeitverlusten durch „Verlaufen" zu rechnen und immer die doppelte Zeit einzuplanen, wie angegeben.