Ich blättere gelegentlich in dem obengenannten „Klassiker" und bin immer wieder bass erstaunt, dass sich das Buch so gut verkauft, obwohl ein Grossteil der Wandervorschläge eigentlich nur von Individualisten mit angeborenen Pfadfindertalenten oder mit der Umgegung sehr gut vertrauten Ortsansässigen praktizierbar sind. Abgesehen von ein paar sehr bekannten Wegen (wie die Tour von Herrsching nach Andechs oder von Tutzing zur Ilkahöhe), wird ein unbedarfter Leser, der sich anhand des Führers auf Wanderschaft macht, sich hoffnungslos verirren oder sich fragen, worin jetzt das besondere Naturerlebnis „auf Schusters Rappen" liegen soll, wenn er stundenlang auf befahrenen Teerstrassen entlanghatscht und die spärlichen Passagen auf menschenfreundlicheren Fußwegen oder Waldwegen, auf denen die Autos nicht im 30-Sekunden-Takt an ihm vorbeizischen, entweder nicht auffindbar sind oder nicht mehr existieren (von brauchbaren Markierungen ganz zu schweigen).
Die bestehenden Markierungen („grünes Dreieck") vor Ort sind ausnahmslos unbrauchbar, vollkommen lückenhaft und geradezu absurd. Am Bahnhof findet sich zwar gelegentlich ein paar Hinweise ( bunt gescheckte Übersichtskarten, Schilder mit Richtungsangaben und nummerierte Phantasie-Routen) aber an der nächsten Kreuzung wird man mit Sicherheit völlig im Stich gelassen und läuft ohne topographische Karte und bestausgebildetem Orientierungsvermögen garantiert völlig in die Irre.
Geradezu lebensgefährlich ist der Tourenvorschlag Nr. 102 (Von Ismaning zum Speichersee/Finsinger Moos): Er erscheint in jeder Auflage des Buches von neuem, und ist wirklich aberwitzig. Die öffentliche Teerstrasse, die am BMW-Versuchsgelände entlang führt, ist schmal und eine berüchtigte Raserstrecke von Möchte-Gern-Rennfahrern (offensichtlich inspiriert von der Nähe des BMW-Geländes ), die auf dieser schnurgeraden Strecke zum Teil mit 150 kmh und mehr daherrasen. Und auf dieser Strasse schlägt der Autor vor, kilometerlang entlangzuwandern!!!! Der Hinweis fehlt: Achtung, nur für geübte, geistesgegenwärtige Wanderer, die bei Gegenverkehr rechtzeitig in den Strassengraben springen können! Glaubt der Autor im Ernst, das irgendjemand freiwillig auf solchen Routen wandert? Ortskundige wissen, dass die Dammkrone zwischen Speichersee und dem Versuchsgelände über einen Trampelpfad begehbar ist und dort eine landschaftlich wesentlich attraktivere Route verläuft, die auch interessante Einblicke auf die grosse Seefläche und das bekannte Vogelschutzgebiet „Ismaniger Speichersee" ermöglicht. Leider ist der Weg manchmal per Zaungittertür versperrt, wenn die Firma BMW auf ihrem Versuchsgelände gerade testet und keine Einblicke auf ihre neuesten Modellreihen zulässt.
In einem Ballungsraum einer total motorisierten Gesellschaft ist der Fußweg weitgehend Mangelware geworden. Und trotz des unbestritten hohen Freizeitwerts der unmittelbaren Münchner Umgebung ist es durchaus ein Kunststück, Möglichkeiten für Rundwanderungen oder für Wanderungen zwischen den S-Bahn-Ästen ausfindig zu machen, die auch wirklich auf Wegen führen, die dem Fußwanderer gemäß sind. Sie existieren zwar, aber anhand dieses Führers wird man diese mit Sicherheit nicht finden. Einen Bedarf dafür gibt es eigentlich auch nicht, da der Sonntagsausflug unserer weitestgehend automobilen Gesellschaft ja in den meisten Fällen von Großparkplatz zur nächsten Gaststätte stattfindet. Mit diesem Buch wird man bestimmt niemand davon überzeugen können, dass es Alternativen geben könnte und es Spass macht die Umgebung auch mal ohne Auto zu erkunden, den Reiz des Zu-Fuß-Gehens wiederzuentdecken. Der Führer scheint mir eher in die Kategorie der Albi-Veranstaltungen zum Thema „Umweltbewusstsein" zu gehören, den man verschenkt oder im Regal stehen hat, aber der überhaupt keinen praktischen Nutzen hat.Für das Naturerleben in Münchens unmittelbarer Umgebung scheint mir eher das Radfahren geeignet, und dieser Freizeitsport hat ja auch massenweise Anklang gefunden. Es gibt zahlreiche, wirklich schöne Routen, sogar im Stadtgebiet und auch im Punkto Beschilderung hat sich viel getan in der letzten Zeit. Und für diesen Zweck gibt es auch gut recherchierte und brauchbare Literatur.