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49 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Packend und schonungslos offen, 17. Januar 2009
Ich habe Ari Folmans Film "Waltz with Bashir" in einem kleinen gemütlichen Hinterhofkino in meiner Heimatstadt gesehen. Nie zuvor habe ich ein Kino in einem solchen Zustand erlebt, nachdem ein Film geendet hat. Normalerweise gehen die Lichter an, das Gemurmel im Publikum schwillt an, Leute stehen auf, gähnen, strecken sich, suchen ihre Sachen zusammen und schließlich wogt die Menge in Richtung der Ausgänge.
Nicht so nach Ari Folmans "Waltz with Bashir". Statt Gemurmel und Gewoge absolute Stille, fast schon lähmende Betroffenheit auf den Gesichtern der Menschen, die sich an ihren Getränken festklammerten. Erst lange, nachdem der Abspann zuende war, wagten die Ersten, sich zu bewegen. Bestürzte und anerkennende Kommentare wurden einander zugeraunt, als schließlich die schummrige Raumbeleuchtung erglimmte.
Waltz with Bashir ist ein Film, der mit schonungsloser Offenheit die Gräuel eines historischen Ereignisses aus retrospektiver Sicht der Beteiligten beschreibt und zeigt. Historisch korrekt beleuchtet er die spezifischen Rollen der einzelnen beteiligten Parteien beim Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila während es Libanonfeldzuges Israels gegen die im Libanon aktive PLO im Jahre 1982.
Libanon 1982.
Bashir Gemayel, der maronitische Präsident des Libanon, war von PLO-nahen Brigaden aus Rache für vorangegangene Massaker in palästinensich-libanesischen Dörfern ermordet worden. Die Gemayel nahestehende Phalange-Milizen wiederum nahmen dies zum Anlass, in Sabra und Shatila unter israelischer Beihilfe Tausende Flüchtlinge grausam zu ermorden. Jene Szenen des Films lassen einem beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Die Tatsache, dass der Film keine reale Szene hat, sondern es sich um einen Animationsfilm handelt, wirkt hier estaunlicherweise noch verstärkend, statt etwa mildernd, was vor allem der absolut atemberaubenden und einzigartigen Optik geschuldet ist, die sich aus dem Design der Animation sowie dem Farbenspiel ergibt.
Der Film erzählt das Geschehene aus der Perspektive beteiligter israelischer Soldaten, die heute - über 20 Jahre später - nacheinander von der in den meisten Fällen sorgfältig verdrängten Vergangenheit eingeholt werden. Phasenartig kehrt die Erinnerung bis hin zu kleinsten Details zurück: Junge israelische Soldaten, die mit einem "Love Boat" (einem als Party-Boot getarnten Militärschiff) an die libanesische Küste verbracht werden, Häuserkampf im gespenstisch wirkenden, zerbombten Beirut, junge israelische Männer, die - in Uniform gesteckt - blind vor Furcht auf alles ballern, was sich bewegt, die grauenhaften Bilder von sterbenden Kameraden, von sich stapelnden Leichen in Sabra und Shatila nach den Massakern.
Auch auf die rücksichts- und gewissenlose Haltung der israelischen Führung unter Verteidigungsminister Ariel Sharon geht der Film ein. Es wird offensichtlich, dass die israelische Führung von dem bevorstehenden Gemetzel wusste und es somit wissentlich unterstützte und von außen absicherte, während die israelischen Soldaten selbst zumeist nur ahnen konnten, was vor sich ging und mehr oder weniger hilflos daneben standen.
Der Film widmet sich auch der Frage: "Wieviel Grausamkeit und auf sich geladene Schuld kann ein Mensch ertragen?". Die Antwort geben die handelnden Personen selbst, indem sie erkennen, dass sie seinerzeit nur überlebten, weil sie sich vom Menschsein verabschiedet hatten, anders hätten sie all das Grauen wohl nicht ertragen können. Die Anfangszene des Traumes mit der Meute zähnefletschender Hunde stellt eine Metapher für verdrängte und entmenschlichte Erinnerungen dar, aus denen im Laufe des Filmes deutliche Bilder voller handelnder Personen und Details des Geschehenen werden.
Ich kann meine Gefühle bezüglich des Films nur schwer beschreiben. Ein hervorragendes Werk, packend, schonungslos, erschütternd. Spätestens nachdem zum Ende die Animation so plötzlich realen Bildern aus Sabra und Shatila weicht, dass man ein paar Sekunden braucht, um es zu realisieren, sitzt man wie vom Donnerschlag gerührt in seinem Sitz und es schnürt sich einem die Kehle zu. "Wie können Menschen so grausam sein?" Diese Frage jagt einem fieberhaft durch den Kopf. Bis man merkt, dass der Film die Antwort auf diese Frage bereits geliefert hat.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Apokalyptische Bilder in einer Zeichentrick-Dokumentation, 26. September 2009
Der israelische Regisseur und Autor Ari Folman macht sich auf die Reise in seine Vergangenheit als blutjunger Soldat während des ersten Libanonkrieges. Ari kann sich an fast nichts mehr aus dieser Phase seines Lebens erinnern. Er besucht seine ehemaligen Kameraden und fragt sie, an was sie sich noch erinnern können. So setzt Mosaiksteinchen für Steinchen seine Erinnerung wieder ein und es wird zunehmend klarer, weshalb er das Ganze am liebsten einfach nur verdrängen wollte.
Die israelische Armee hat sich nicht mit Ruhm bekleckert und je weiter er forscht, umso deutlicher wird auch, wie sehr er selbst ein marionettenhaftes Werkzeug in einer menschenverachtenden Kriegmaschinerie gewesen ist.
Ein Film aus Israel, der sich äußerst kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Wild um sich schießend junge Soldaten, ein gleichgültiger Verteidigungsminister, nicht gerade ein Armeewerbefilm. Das Massaker in den Flüchtlingslagern haben zwar Libanesen durchgeführt, doch die israelische Armee hat zugeschaut und den Nachthimmel mit Leuchtraketen erhellt.
Mit diesem Film wird eine neue Kategorie eröffnet: Der erste animierte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Ari Folman versucht in seinem Film nichts zu beschönigen. Darüber hinaus findet er tiefenpsychologische Bilder für Träume, die ihn und andere Soldaten seither verfolgen.
Ein Film, der an die Nieren geht.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die eigenen Bilder, 11. Juni 2009
Hunde mit gefletschten Zähnen und glühenden Augen hetzen eine belebte Straße entlang, werfen Tische um, springen an Menschen vorbei, die dort unterwegs sind. Ihr Ziel ist ein Haus, in dem ein Mann wohnt, der Hunde "auf dem Gewissen" hat. Bereits diese ersten Bilder ziehen den Zuschauer in seinen Bann und er hat schon nach wenigen Minuten fast vergessen, dass es sich nicht um einen Real- sondern einen animierten (also gezeichneten) Spielfilm handelt. Gleichwohl sind die geschilderten Personen und Ereignisse äußerst real und basieren letztendlich auf historischen Ereignissen, nämlich dem israelisch-libanesischen Krieg vom Sommer 1982 und insbesondere dem in den palistinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila bei Beirut verübten Massaker.
Der Film leistet zwar die Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Krieges und den darin verübten Verbrechen, aber dies geschieht auf dem Weg der subjektiven Erinnerung. Das eigentliche Thema des Films sind die eigenen Bilder der Erinnerung.
Ari - die Hauptfigur des Films - kann sich an nichts aus der Zeit des Krieges, an dem er als junger Soldat teilnahm, erinnern. Es begibt sich auf eine Reise, befragt alte Freunde, Zeitzeugen und Psychologen, setzt Erinnerungsfragmente zusammen und kommt schließlich dem skandalösen Grund für die (vielleicht gesellschaftlich verallgemeinerbare) Amnesie auf die Spur: die Massaker von Sabra und Shatila, als christliche Falangisten unter den Augen der sich passiv verhaltenden israelischen Armee über die Bewohner der Palästinenserlager herfielen.
Der Film arbeitet dieses Puzzle aus Erinnerungsfragmenten durch Assoziationen, Gespräche, Traumbilder und vorhandene Dokumente (wie Fotografien) auf und macht deutlich, dass unsere Erinnerung mehr über uns selbst verrät, als über die Fakten tatsächlicher Ereignisse.
Insbesondere die innovative und in ihrem Zusammenspiel aus Zeichnung, erzählter Geschichte, Kameraarbeit und gelungenem Soundtrack bestehende Inszenierung dieser Erinnerungsarbeit macht "Waltz with Bashir" unbedingt sehenswert.
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