Scholz, Manfred Günter: Walther von der Vogelweide. Stuttgart/Weimar 1999 (= Sammlung Metzler 316) Thomas Bein hat es in seiner 1997 bei Reclam erschienenen Einführung zu Walther von der Vogelweide schon gesagt: "Noch ein Buch, ein Büchlein über Walther?" Tatsächlich haben die Darstellungen von Hahn, Reichert und Brunner/Hahn/Müller/Spechler gerade den Buchbinder verlassen und in der germanistischen Mediävistik einen gebührenden Platz eingenommen. Bein beruft sich daher auch mehr auf die allgemeingültige Einsicht, daß "nach 200 Jahren Walther-Forschung die Germanistik nicht kurz vor dem Ende alles Sagbaren steht, sondern im Gegenteil neue Fragen und neue Antworten zu suchen hat", wobei es ihm besonders auf eine Problematisierung des "Autor-Werk-Konzeptes" ankommt. Was also ist von der vorliegenden "Einführung in Leben, Werk und Wirkung Walthers von der Vogelweide" (so der Buchrückentext) zu erwarten? Ihr Autor, der Tübinger Lehrstuhlinhaber für Ältere deutsche Sprache und Literatur Manfred Günter Scholz, hat sich seit seiner Dissertation 1966 mit Walther von der Vogelweide beschäftigt. Er bearbeitete u. a. auch die 4. Auflage (1983) von Kurt Herbert Halbachs erstmals 1965 publizierter grundlegender Darstellung der Walther-Philologie. Im Vorwort bezeichnet er dieses Werk als "Vorgänger", von dem sich der zu besprechende Band allerdings grundlegend unterscheide, indem dieser den Anspruch habe, lesbarer zu sein und sich vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen in der Edition und Interpretation auf die neuere Forschung konzentrieren wolle. Diese Schwerpunktsetzungen veranlassen Scholz allerdings zu der Empfehlung, für "einen verläßlichen Gesamtüberblick" doch bitte beide Studien "komplementär" zu lesen. Das etwa 210 Seiten umfassende Buch aus der Reihe "Sammlung Metzler" setzt ein mit einer Skizze zu Walthers Leben, die in kritischer Distanz verschiedene Ansatzpunkte aufzeigt. Besonders hervorzuheben ist der Exkurs zu "Walther und das Ich", der zu einer Differenzierung der lyrischen Ich-Aussagen beiträgt. Vermissen läßt der Autor aber eine Auseinandersetzung mit den Thesen der New Philology zu Autor und Werk. Im Hauptteil beschäftigt sich Scholz mit Walthers Werk. Hier werden zunächst allgemeine Probleme wie Lied/Spruch, Überlieferung, Echtheitsfragen, Metrik und Melodien besprochen. Im Zusammenhang mit der Überlieferung fehlen Hinweise auf die bildliche Tradierung und die in der Forschung besonders intensiv diskutierte Frage der Fassungen und Varianten eines Werkes (vgl. Steinmetz, in: ZfdPh 118, S. 69-86). Es ist auch zu überlegen, ob die Bemerkungen zur Überlieferung in der Gesamtdarstellung einen vorderen Platz verdient haben. Hinweise zum "Aufführungscharakter" der Lieder sind leider ganz ausgespart. Im folgenden Abschnitt, und damit entgegen den meisten Einführungen noch vor dem Minnesang, wird die Sangspruchdichtung Walthers abgehandelt. Nach einer kurzen Einführung und Einordnung werden in überwiegend chronologischer Reihenfolge einzelne Töne besprochen, wobei sprachlich-formale Gesichtspunkte unbeachtet bleiben. Kurze Abschnitte geben Erläuterungen zum historischen Hintergrund, ergänzend wären hier Hinweise auf neuere historische Literatur hilfreich. Gelungen ist die vernetzende Darstellung von Spruch und geschichtlichem Hintergrund. Mit nur etwa 50 Seiten kommt die Darstellung des Waltherschen Minnesangs etwas zu kurz, macht doch diese Gattung etwa 2/3 des Gesamtwerkes aus. Freilich weist Scholz auch darauf hin, daß er "Akzente setzen und in erster Linie solche Lieder diskutieren [will], an denen die neue Sicht auf Walther exemplifiziert werden kann." Es ist erfreulich, daß Scholz im Unterschied zu seinem "Vorgängerwerk" nicht dem Versuch einer chronologischen Einordnung der Lieder unterliegt, sondern thematische Übersichten zu "Was ist Minne?", Minne im gesellschaftlichen Kontext, Frauenbild sowie dem Problem der herzeliebe und den Mädchenliedern gibt. Ein Schwerpunkt liegt sodann auf der Reinmar-Walther-Fehde und "anderen sängerischen Interaktionen". Außerhalb der Betrachtung bleiben die Naturdarstellungen und, wie auch bei der Spruchdichtung, die sprachlich-formale Seite der Interpretation. Zu wenig beachtet bleiben auch die vielfachen Verbindungen des deutschen Minnesangs zur Romania. Der zweite Hauptteil schließt mit einem Kapitel über die religiöse Lyrik und die Alterslieder, denen hier ein erfreulich großer Raum zugestanden wird. Eine "Skizze der Walther-Rezeption" rundet den darstellenden Teil ab. Im Anhang findet sich ein ausführliches und aktuelles Literaturverzeichnis, das eine gute Orientierung ermöglicht. Dem Personenregister hätte ein ergänzendes Sachregister gut getan und gerade für Anfänger den Nutzwert erhöht. Das "Register der Töne-Namen, der Töne und der Sangspruch-Strophen Walthers" ist für die lektürebegleitende Benutzung sehr hilfreich. Nach der Neuausgabe der Werke Walthers durch Christoph Cormeau wäre aber wohl der Lachmannschen Zählweise die Einteilung Cormeaus hinzuzufügen gewesen. Es ist zweifelhaft, ob das Ziel der "Lesbarkeit" erreicht worden ist. Die Texte sind durchsetzt mit zahlreichen Zitaten aus der Primär- und Sekundärliteratur, zu denen sich in Klammern Nachweise und Kommentare des Verfassers gesellen. Zurückhaltender ist da die Einführung von Bein oder auch das "Arbeitsbuch" zu Walther von der Vogelweide von Brunner/Hahn/Müller/Spechler. Es steht aber außer Frage, daß Scholz hier ein umfangreiches und auf solider Sachkenntnis gründendes Werk vorgelegt hat, das seinen Weg in die Bücherregale finden wird. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)