Walther Rathenau (1867 - 1922) gehört mit Sicherheit zu den widersprüchlichsten und schillerndsten Persönlichkeiten des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Ermordung durch die Freikorpskämpfer Kern und Fischer einem ungewöhnlichen Leben auch einen ebenso außergewöhnlichen Tod bescherte.
Brenner stellt Rathenaus Persönlichkeit und Werk detailreich dar und benutzt dabei eine athmosphärisch dichte und unterhaltsame Sprache. Deutlich arbeitet Brenner heraus, warum Rathenau gleichzeitig Liebling und Haßobjekt seiner Zeit wurde und von den Feinden der Weimarer Republik umgebracht wurde. Brenner setzt dabei auch auf öffentlich bislang wenig beachtete Aspekte Schlaglichter.
Einerseits war Rathenau eine charismatischer, feinsinniger, kunstliebender literarisch tätiger Vorzeigeunternehmer, der das vom Vater und Gründer Emil Rathenau übernommene Unternehmen (AEG - Allgemeine Edison Gesellschaft) zu einem der wirtschaftlich führendsten Firmenkonglomerate mit immenser politischer Bedeutung machte. Dessen technische Errungenschaften wurden federführend für die allgemeine Entwicklung der damaligen Zeit. Andererseits war Rathenau ein unbequemer, aufbrausender Querkopf der familiär, unternehmerisch und politisch-literarisch aneckte. Zeitlebens fühlte er sich von seinem Vater Emil, der den Grundstock seines Wirtschaftsimperiums durch geschickte Börsenspekulation in der den Gründerjahren nachfolgenden Krise schuf, zurückgesetzt und versuchte ihm unternehmerisch wie persönlich zu imponieren. Sowohl unternehmerisch als auch privat setzte Rathenau alles daran seine sich selbst gesetzten Ziele zu verwirklichen. Das galt auch, wenn der versteckt-homosexuelle Rathenau dabei mißlebige interne wie externe Konkurrenten verdrängen oder im Wege stehende Ehemänner hörnen mußte. Besonders seine politische Rolle reizt den aufmerksamen Leser Brenners: Selbst Jude, verfaßt Rathenau die seinerzeits ätzendsten und verächtlichsten Angriffe gegen das Judentum, so in seinem Artikel "Höre Israel". Rathenau suchte immer die Nähe und Anerkennung der maßgeblichen gesellschaftlichen Kreise in Militär, Politik, Wirtschaft, Kultur und findet sie schließlich auch als persönlicher Berater Kaiser Wilhelms II. Während des Ersten Weltkrieges nimmt Rathenau die Organisierung der deutschen Wirtschaft hin zu einer totalen Kriegswirtschaft in seine Hände. Seinem vehementen persönlichem Engagement im Herbst/Winter 1914/1915 ist es zu verdanken, daß im großem Stil Fabriken zur Synthese Ammoniaks aus der Luft aus dem Boden gestampft wurden. Hierdurch konnte das deutsche Reich seinen Sprengstoff und sein Schießpulver praktisch "aus Luft" erschaffen und war von den seitens der Entente unterbrochenen Schiffslieferungen aus Südamerika unabhängig. Diese einzelne Tat Rathenaus sorgte dafür, daß der Erste Weltkrieg nicht bereits nach einem halben Jahr mangels Munition mit einer Niederlage für das Kaiserreich beendet wurde, sondern sich um weitere lange Jahre verlängerte. Freilich zögerte Rathenau auch nicht nach Ausrufung der Republik unter neuen Verhältnissen wohlfeile Worte zu finden, die ihn in Augen weiter Teile der Bevölkerung verächtlich machen mußte, indem er verkündete, daß die Geschichte ihren Sinn verloren hätte, wenn der Kaiser mit Deutschland gesiegt hätte. Rathenau wurde einer der wortgewaltigsten Repräsentanten der Weimarer Republik, der er schließlich sogar als Reichsaußenminister diente.
Der expressive opulent-luxuriöse Lebensstil und die zündenden politischen Äußerungen Rathenaus stellten ihn in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Es überraschte daher nicht, daß Rathenau zum sensationellen Opfer der erklärten Feinde der Weimarer Republik werden würde. Brenners detailreiche Schilderung des Lebens und des Werkes von Rathenau schließt mit einer minutiösen Darstellung der Ermordung Rathenaus und der Beschreibung der Persönlichkeiten seiner Mörder.
Brenners Werk ist eine empfehlenswerte und unterhaltsame Biographie Walther Rathenaus. Sie ist faktenreich und informativ, auch wenn der Anmerkungsapparat nur durchschnittlichen Erwartungen erfüllt. Als Unterhaltungsliteratur ist das Buch aber vollauf genügend. Brenner legt einen bereits aus der Untertitelwahl des Werkes, Walther Rathenau - Deutscher und Jude, ersichtlichen Wert darauf, Rathenaus widersprüchliche und aufreizende Handlungen und Äußerungen dadurch zu erklären, daß dieser als Jude immer wieder in der damaligen Gesellschaft hat anecken müssen und abgelehnt worden sei. Eine solche Inschutznahme bedarf aber Rathenau angesichts seines von Brenner deutlich herausgearbeiteten scharfen und visionären Geistes nicht.