Trifft Licht auf einen Körper, so entsteht hinter ihm ein Schatten. So zumindest haben wir das als Kinder gelernt. Alle Versuche die Projektion zu überlisten ' vergebens. Also lernen, den dunklen Begleiter als Teil des Ich zu akzeptieren. Für C. G. Jung der erste Schritt auf dem Weg zu Ganzwerdung («Individuation»): «Erkenne deinen Schatten, um dein Selbstbildnis zu vervollständigen.»
In den archaisch-modernen Schönheitsbehauptungen der Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa (Sanaa) fehlt der Schatten. Nichts darf das Licht in seiner horizontalen Ausbreitung hindern. Ferner leugnet das flächig-zweidimensionale der Entwürfe alle Körperhaftigkeit. Diesem «Image» geben Walter Niedermayrs Fotografien Realität. Bekannt wurde der südtiroler Künstler durch seine distanziert-bleichen Tableaus alpiner Landschaften. Logisch und konsequent scheint, dass er seit einiger Zeit der Architektur von Sanaa seinen Standpunkt, seine Sichtweise leiht.
Hatje Cantz hat anlässlich von Ausstellungen in Bordeaux und Antwerpen einen nahezu quadratischen Band (29,5 x 29,7 cm) vorgelegt, der zum ersten mal die Zusammenarbeit von Sanaa und Niedermayr, ebenso wie jene von Sejima und Nishizawa kongenial schattenlos ' also weiß in weiß dokumentiert. Die Gestaltung von Armand Mevis und Linda van Deursen ist unaufdringlich und nüchtern gestimmt. Projekttitel und Plandokumente heben sich durch Papierwechsel und Verkürzung der quadratischen Seiten auf Din-Format ab. Die Bildstrecken, vor allem aus Diptychen und Triptychen bestehend, sind von schwereloser Großzügigkeit.
Ohne Schatten ist wer Kontakt zur Unterwelt hat oder darin verweilt ' so glaubten die alten Griechen. Dass Schattenlosigkeit nicht zwangsläufig Verdammnis bedeutet, zeigt die reife Beziehung zwischen Fotograf und Architekten in subtilem Dialog mit den Gestaltern und einem Verlag, der förmlich über den eigenen Schatten gesprungen sein muss, um einen so zarten und ephemeren Titel zu erlauben.