Verlangte man von mir, ich müsste mir den besten Ring aus allen vorhandenen Gesamt- und Einzelaufnahmen zusammenstellen, so bräuchte ich lediglich die beiden Ringe unter Böhm und Solti. Von Solti die beiden letzten, von Böhm die ersten beiden Teile der Tetralogie. Bei aller Achtung vor Furtwängler, so sind seine Live-Aufnahmen doch in vielerlei Hinsicht in die Jahre gekommen und bei Karajan muss man leider immer wieder auf die wechselnde und vielleicht auch nicht ganz passende Besetzung zeigen. Andere Ring-Aufnahmen unter Janowski, Knappertsbusch, Sawallisch, Levine oder Boulez mögen ihre Qualitäten haben, besonders der Janowski-Ring, aber für die Spitze reicht es eben nicht.
Was nun an dieser Aufnahme so besonders ist, das ist zum einen natürlich diese unvergleichliche Besetzung mit dem zweiten Bayreuther Traum-Paar nach Windgassen und Nilsson, nämlich King und Rysanek. Auf die Qualitäten der jeweiligen Sänger einzugehen halte ich für unnötig. Jeder weiss, was er von einer solchen Besetzungsliste zu halten hat, noch dazu, da man zu dieser Zeit beim besten Willen bei keinem der Sänger, weder Adam, noch King, Rysanek, Nienstedt, Burmeister und schon gar nicht Nilsson von Verschleißerscheinungen sprechen kann.
Besonders Leonie Rysanek, die ja noch in den 80ern Rollen wie die Kaiserin in Wien oder die Kundry in Bayreuth mühelos bewältigte, überrascht hier den Höhrer mit einer Besonderheit: Ein paar mal verdeutlicht sie das Geschehen auf der Bühne, zum Beispiel wenn Siegmund sein Schwert aus der Esche Stamm zieht, mit einem überlauten Schrei, der als Rysanek-Schrei in die Geschichte Bayreuths eingegangen ist, und in der Folgezeit bis heute vielfach nachgeahmt aber nicht mehr dokumentiert wurde.
Diese Aufnahme verfügt über den mächtigen und väterlichen Wotan Theo Adams, einen heldenhaften und lyrischen Siegmund mit James King, die unschuldige und dennoch höchst emotionale Sieglinde der Rysanek, den brutalen Hunding Gerd Nienstedts und natürlich die (im wahrsten Sinne) göttliche Brünnhilde Birgit Nilssons, die in einer ihrer Paraderollen den Spagat zwischen der folgsam-kühlen Walküre und der mitfühlenden Frau bewältigt und somit den Wandel in der Rolle so anschaulich gestaltet, wie keine andere auf Platte dokumentierte Sängerin.
Das alles unterstreicht auch noch einmal die Vorzüge dieser Aufnahme als ein Live-Mitschnitt der Festspiele, in dem man eine der glücklichsten Fügungen der Musikgeschichte im Orchestergraben erleben kann - Richard Wagner und Karl Böhm. Vielfach wird diesem Grazer Meister ja vorgeworfen ein "Dehner" zu sein, was die Tempi angeht, etwa im Stile Furtwänglers, Klemperers oder Giulinis. Zugegeben haben seine Mozart- und Strauss-Interpretationen häufiger einen solchen Einschlag, warum er aber nicht bei Wagner auf dieses Prinzip zurückgegriffen hat, wo andere mit solchen Tempi stets versuchen die Monumentalität dieser Werke hervorzuheben, mag vielleicht etwas unlogisch erscheinen, bereitet aber einen so passenden und mitreißenden Wagnerklang, dass sich in der gesamten Diskographie kaum ein überzeugenderes Pendant finden lässt.
Dies alles zusammengnommen, kann man sagen, dass diese Aufnahme nicht nur dem Ideal der Walküre nahekommt, sondern, dass es dieses Ideal erreicht. Wer sich da an Aussprachefehlern oder (unerheblichen) Publikumsgeräuschen stört, wird ewig auf der Suche nach wirklich überzeugenden Ring-Aufnahmen bleiben.