Als Henry Thoreau 1845 in eine selbstgebaute Blockhütte in der Nähe des kleinen Walden-Weihers bei Concord zog, um dort zwei Jahre zu leben, war dies der Anfang eines Experimentes, das in einem der großen Bücher der Weltliteratur seinen Niederschlag fand. Thoreau war entschlossen, das Leben selbst zu testen, herauszufinden, zu welchem Erfolg ein Leben führt, das sich - getreu dem Motto seines Mentors Emerson - nur auf die eigenen Kräfte verläßt. Es war bewußt als Kontrapunkt gedacht zur Lebensweise seiner Mitmenschen: mit den christlichen Werten von sozialer Verantwortung und Fürsorge für den Nächsten wollte Thoreau nichts zu schaffen haben. Zeitlebens lehnte er es ab, Hüter seines Bruders zu sein, erlaubte dafür aber auch keinem Bruder, sein Hüter zu sein. Seine Armenpflege bestand nicht daran, warme Suppen auszuteilen, sondern ein Beispiel zu geben, wie ein Leben in Würde und ohne finanziellen Aufwand möglich sei. Doch "Walden" ist nicht nur ein Lehrstück in individueller Lebensführung, es ist gleichzeitig ein Hymnus an die Natur. Es war die Poesie der Natur, das klare Auge des Walden-Weihers, das feingeäderte Blatt Herbstlaub auf seinem Weg, das Schauspiel der abendlichen Wolken am Himmel, die Thoreau feierte, mehr noch aber die symbolische Bedeutung der Natur: ihre nie endende Kreativität, ihre ständige Selbsterneuerung lieferten die Bilder, aus denen Thoreau Kraft für sein eigenes Leben zog, für seine Hoffnung, daß das gegenwärtige Leben nur die Morgendämmerung für ein höheres, weiteres Leben ist.
Leider übersetzt sich Thoreau nicht immer sehr glücklich, sein trockener Wortwitz geht oft verloren, seine knappe, aphoristische Ausdrucksweise nimmt gelegentlich einen predigenden Ton an. Aber selbst damit läßt sich besser leben als mit der Tatsache, daß der Autor Thoreau für den deutschen Sprachraum nur mäßig erschlossen ist-sein erstes Werk "A Week on the Concord and Merrimack Rivers" liegt überhaupt nicht in ener zugänglichen Übersetzung vor, sein bedeutsames "Journal" nur in allerkleinsten Auszügen.