Schon komisch. Da schaut man in seine über Jahrzehnte gewachsene Plattensammlung und stellt fest, dass einige Namen unverhältnismäßig oft auftauchen. Musik, die einen über einen Großteil des Lebens begleitet hat und man wurde sich dessen lange Zeit gar nicht so richtig bewusst. So geht's mir (unter anderem) mit Paul Weller. "Setting Sons" war meine erste Begegnung mit seiner Musik und seither sind etliche Platten hinzugekommen.
Mir gefiel beileibe nicht alles sofort und im gleichen Maße gut, aber dafür haben einige Songs im Laufe der Jahre für mich den Status von "All time favourites" erlangt. "Wake Up The Nation" war jedoch sowas wie Liebe auf den ersten Ton. Der Mann hat offensichtlich Selbstbewusstsein, Geschmack und Stil. Man meint Anklänge an seine eigene musikalische Vergangenheit und an die Musik seiner Vorbilder herauszuhören, aber absolut nirgends gibt's eine platte Kopie. Es ist eher wie bei einem Palimpsest: der alte Text schimmert hindurch aber das Neue dominiert. Ich für meinen Teil höre Stax-, Verve- und Motown-Soul ("No Tears To Cry", "Pieces Of A Dream" und vor allem "Aim High", mein Lieblingssong auf diesem Album) ebenso heraus wie Folk, Boogie, Disco(?!) und vielleicht sogar Krautrock. In den Liner Notes wird von einem im Vergleich zum Vorgängeralbum "22 Dreams" mehr "urbanen" Sound gesprochen und die Musik mit "Stockhausen meets The Small Faces" umschrieben. Kann sein, man könnte aber auch behaupten "Marvin Gaye meets Can". Wäre ebenso richtig und ebenso falsch.
Was mir auch gut gefällt, ist, wie Wellers Stimme gealtert ("gereift") ist. Seine Technik ist mit der Zeit immer besser, seine Ausdrucksmöglichkeiten sind umfangreicher geworden. Die Stilbandbreite scheint größer und die Gebrauchsspuren stehen seiner Stimme gut. Mit bald 52 Jahren klingt Weller jünger als die meisten Musiker seiner Generation, zorniger als viele jüngere und unendlich viel frischer und lebendiger als jeder Retorten- "Superstar". In punkto Authentizität kann ihm ohnehin kaum einer das Wasser reichen. Solange sie so abwechslungsreich sind, wie seine letzten beiden Platten, wird mich seine Musik hoffentlich noch lange begleiten.