Samuel Becketts "Waiting for Godot" ist wohl eines der meistaufgeführten Stücke des 20.Jahrhunderts. Und obwohl die Veranstaltungshinweise am Theater meines Vertrauens in halbjährigem Rythmus "Waiting for Godot" anpreisen und ich bislang auch viel Gutes darüber gehört habe, ist es mir bis dato nicht gelungen, eine Vorführung dieser Tragikomödie anzuschauen. Nun endlich habe ich mal zur Buchfassung gegriffen... und meine Reaktion auf Godot waren vielfältig. Amüsiert, frustriert, fasziniert, irritiert... all diese und mehr Geisteszustände durchlief ich während ich mir die Geschichte um die beiden Herumtreiber Vladimir und Estragon zu Gemüte führte.
Dabei ist von einer Handlung eigentlich nicht zu sprechen... denn in "Waiting for Godot" tun die beiden Hauptpersonen eben einfach nur das, was der Titel nahelegt: Sie warten. Und zwar auf einen Kerl namens Godot, über den der Leser/Zuschauer sowie die Hauptfiguren im Grunde nichts wissen und auch nicht, was sein Erscheinen eigentlich bringen soll, lediglich, dass sich Vladimir und Estagon von seiner Ankunft eine Verbesserung erhoffen. Punkt. Und während die beiden so warten, versuchen sie sich bestmöglichst die Zeit zu vertreiben und verlieren sich in allerhand sinnigen, unsinnigen oder vollkommen abstrusen Gesprächen, spielen kleiner Spiele oder überlegen sich einfach aufzuhängen. Wie lange sie schon so warten, wer oder was Godot ist, ob es der richtige Ort und die richtige Zeit ist, was sie am Tag zuvor getan haben... all das vergessen sie gelegentlich auch einfach und tragen so zur Verwirrung des Publikums/der Leser sowie zu ihrer eigenen bei. Zwischenzeitlich taucht auch nochmal ein Kerl namens Pozzo mit seinem Diener unterwürfigen und schweigsamen aber offensichtlich hochintellektuellen Diener Lucky auf, doch sowas wie eine Handlung entsteht durch den Auftritt zweier zusätzlicher Personen auch nicht. Und auf diese Weise werden in zwei Akten zwei Tage geschildert, die beide ähnlich ablaufen und ähnlich handlungs- und scheinbar sinnentleert ablaufen...
Ein furchtbar langweiliges Stück, möchte man meinen. Kritiker sind anderer Meinung und daher finden sich hunderte und aberhunderte von Interpretationsansätze, mit denen man die absurden und sinnlos anmutenden Aussagen und Handlungen der beiden Hauptfiguren und die Natur von Godot analysiert. Schon Wikipedia stellt kurz einige Interpretationsansätze dar, die allesamt von der Deutung recht weit auseinander gehen. Und während Zuschauer/Leser sowie Kritiker sich den Kopf zerbrachen, äußerte sich Samuel Beckett, der vor allem später für seine minimalistischen und absurden Stücke bekannt wurde, von denen einige nicht mehr als ein paar Minuten dauerten, nicht. Ein klarer Interpretationsschlüssel zu diesem vielschichtigen Werk existiert also nicht und von daher gestaltet sich die Analyse von "Waiting for Godot" als höchst schwierig und jeder findet etwas andere an dem Stück.
Das immer wiederkehrendes Thema der Religion, das sich in den Gesprächen von Vladimir und Estragon anhand von Verweisen auf die Kreuzigung Jesu oder such in Luckys höchst verwirrendem stream-of-conciousness-artigem Monolog über die Abwesenheit Gottes und dem Menschen auf Erden zeigt, sowie der Name Godot, in dem recht offensichtlich das Wort "God" steckt, verweisen auf eine Interpretation im religiösen Sinne. Warten Vladimir und Estragon darauf, das Gott erscheint und ihrem Leben neuen Sinn gibt und verharren daher in Nichtstun und Verzweiflung, anstatt sich selbst aus ihrer auswegslosen Lage zu befreien? Das war für mich auf den ersten Blick die sinnvollste und für mich wahrscheinlichste Aussage des Stücks. Anstatt auf äußere Kräfte zu hoffen und darüber zu stagnieren sollten wir unser Schicksal doch selbst in die Hand nehmen und selbst für uns Veränderung erwirken, denn genau das ist es, was Estragon und Vladimir im Stück nicht zu Wege bringen. Aber sicherlich kann und wird dies nicht die einzige Interpretation der zahlreichen Facetten und scheinbar bedeutungslosen und fast beiläufigen Äußerungen der Figuren sein. "Waiting for Godot" wird Kritiker, Leser und Publikum also vermutlich auch in vielen Jahren weiterhin beschäftigen und zum Rätseln bringen.
Die vorliegende Reclam-Fassung enthält neben dem englischen Text des Weiteren auch noch eine Auseinandersetzung mit der Materie durch den Herausgeber Manfred Pfister, der sich darin weniger mit der Interpretation des Stückes als mit Aufbau und Art von "Waiting von Godot" auseinandersetzt und es als "minimal theatre" und Meta-Theater identifiziert, sowie den Begriff absurdes Theater, unter dessen Kategorie "Waiting for Godot" oft gerechnet wird, auseinandersetzt. Seine Ausführungen erschienen mir durchaus sehr nachvollziehbar und schaffen wenigstens in mancher Hinsicht, zum Beispiel in Bezug auf das Erscheinen Pozzos und der Konsequenz dieses Erscheinens für Vladimir und Estragon, etwas Klarheit. Und auch auf die Dualität, die vielen Aspekten im Stück zugrunde liegt (Estragon und Vladimir als dualistische Repräsentationen von Intellekt und Stofflichkeit, die beiden Schächer bei Jesu Kreuzigung, Pozzo und Lucky, die zwei Jungen, die Godot dienen...) wird genauer eingegangen. Insgesamt war Pfisters Begleittext sehr gut geschrieben und aufschlussreich, allerdings doch stellenweise recht anspruchsvoll... aber das ist Godot ja auch.
Die Vieldeutigkeit an sich macht "Waiting for Godot" bereits zum Meisterwerk... aber auch wem solche Andeutungen und hoch gegriffen, abstrakten Interpretationsansätze vollkommen abgehen, ist das Lesen dieses Stückes durchaus zu empfehlen. Denn nebenbei sind die vielen rätselhaften und absurden Handlungen, die sinnentleerten Gespräche, die sich oft im Kreis drehen, sehr witzig und unterhaltsam. All das ist dermaßen absurd und verrückt, dass man nicht anders kann, als sich bestens unterhalten zu fühlen, auch wenn man sich über den Sinn des Ganzen absolut nicht im Klaren ist.
Ein Meisterwerk also, das sowohl tiefgründig und erkenntnisreich, als auch rätselhaft und unverständig, sowie lustig und voller Humor ist. Mir hat es sehr, sehr gut gefallen und gerade diese Reclam-Fassung zum niedrigen Preis eignet sich perfekt für Schüler und Studenten aber auch andere Interessenten.
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