Kurzbeschreibung
In Wahrscheinlichkeit und Wissenschaft, das hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, geht George Spencer Brown von der alltäglichen Vorstellung der "realen Welt" aus und zeigt, dass der Beobachter über die Grundoperationen der Unterscheidung eine solche unabhängige Welt erschafft: "Wir unterscheiden zwischen leibhaftigen Menschen und Romanfiguren, zwischen tatsächlichen und geträumten Ereignissen, zwischen echten und Spielzeugsoldaten, zwischen lebendigen Sprachen und Esperanto. Auch grenzen wir die reale Welt der Realität von den mannigfachen Formen des Irrealen ab, die jene Roman-, Ersatz-, Spielzeug- oder Traumwelten einschließen. Aufgrund einer entsprechenden Konvention setzt das Adjektiv 'real' irgendwie Sein voraus, wogegen irreale Welten nicht existieren sollen. Das ist offenbar widersprüchlich." Der Kern des Buches führt zu den metaphysischen Knoten im Begriff der Wahrscheinlichkeit, der im neuzeitlichen Wissenschaftsverständnis eine zentrale Position einnimmt. Spencer Brown deckt Widersprüche und Paradoxien in wissenschaftlichen Methoden auf, die sich auf die Idee der Wahrscheinlichkeit stützen. Hier hat das Buch selbst 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nichts an Brisanz und Aktualität verloren.
Vorwort
In seinem inzwischen zum Klassiker avancierten Buch
Laws of Form (1969) entwickelte George Spencer-Brown einen Kalkül, der die formale Bewältigung der Selbstreferenz in der Logik leistet. In diesem Indikationskalkül wird der Akt der Unterscheidung ("Draw a distinction!") zur grundlegenden Operation aller beschreibbaren Relationen gemacht.
In Probability and Scientific Inference, das hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, geht Spencer-Brown von der alltäglichen Vorstellung der "realen Welt" aus und zeigt, daß der Beobachter über die Grundoperationen der Unterscheidung eine solche unabhängige Welt erschafft. Unser von der griechischen Tradition geprägter Begriff des Wissen - im Umfeld der Lichtmetaphorik entstanden (wissen lat. novi, nosco heißt "gesehen haben") - nimmt auf die visuelle Wahrnehmung Bezug. Wir haben ein Wissen von etwas, wenn wir es gesehen haben und von daher nicht noch einmal hinschauen müssen. Dieses Verständnis von Wissen impliziert also die Nichtveränderung des beobachteten Objektes. Von daher leitet sich auch das Ziel abendländischer Wissenschaft ab, das Sein zu erkennen, indem man auf das Unveränderliche fokussiert und Konstanten aufzudecken sucht. Die Realität als der Bereich, dem wir wirkliches Sein zuschreiben, hängt von daher von unserer Erwartung ab, daß das Beobachtete sich nicht verändert. Über diesen Begriff der Erwartung entwickelt Spencer-Brown den Zusammenhang zu den Begriffen der Wahrscheinlichkeit, der Induktion und den Problemen der Induktionslogik. Der Kern des Buches führt zu den metaphysischen Knoten im Begriff der Wahrscheinlichkeit, der im neuzeitlichen Wissenschaftsverständnis eine zentrale Position einnimmt. Spencer-Brown deckt Widersprüche und Paradoxien in wissenschaftlichen Methoden auf, die sich auf die Idee der Wahrscheinlichkeit stützen; hier hat das Buch selbst 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nichts an Brisanz und Aktualität verloren.
Wahrscheinlichkeit und Wissenschaft wurde aus dem Englischen von Hans Günther Holl übersetzt. Überall dort, wo sich die Terminologie zwischenzeitlich verändert hat, wurde in Fußnoten darauf aufmerksam gemacht.
Bei Günther Emlein, Universität Mainz, möchte ich mich für das Überprüfen der Fußnoten bedanken. Prof. Matthias Varga von Kibed und Dr. Manfred Schramm (beide München) haben die mathematischen und logischen Passagen Korrektur gelesen und wertvolle Hinweise für manche Anmerkung gegeben. Dafür sei ihnen herzlich gedankt.
Hans Rudi Fischer
Heidelberg, im August 1996