Kant setzt voraus, dass der Mensch ein Vernunftwesen ist. Rebecca James schafft es, dies durch eine 317-seitige Odyssee zu widerlegen.
Den Plot würde ich als durchaus reizvoll und vielversprechend bezeichnen: Katherine, 17, hat ihre Schwester verloren und ist von zu Hause geflohen, weil mit der ganzen Situation nicht fertig wird. Sie hat sich dazu entschlossen, lieber ein Dasein als Einzelgängerin zu fristen, als sich erneut emotional an Menschen zu binden. Doch dann kommt Alice und stellt ihr Leben auf den Kopf. Alice, die seltsam besitzergreifend, fürchterlich exzentrisch und zunehmend gemeiner wird. Ansonsten gibt es noch Robbie (der liebe, nette Junge von Nebenan) und später Philippa und Mick, die Katherine zufällig kennen und lieben lernt. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr erfahren wir über Katherines Leben. Zu diesem Zweck hat Rebecca James eine recht interessante Erzählweise gewählt: Das Buch beschreibt einmal die Gegenwart (die Zeit mit Alice), die Vergangenheit (wie ihre Schwester gestorben ist) und die Zukunft (fünf Jahre später). Anfangs hat mir diese Mischung sehr gut gefallen, zunehmend war ich jedoch genervt vom schwammigen Zusammenfließen dieser Erzählstränge und von der Tatsache, dass James einen unsäglichen Bruch der Erzählperspektive zum Ende eines jeden Teiles begangen hat. (Das Buch besteht insgesamt aus zwei Teilen, mir erschließt sich inhaltlich allerdings nicht ganz, warum das so ist.) Zwei Extremsituationen, Situationen, in denen Katherine, die eigentlich als Ich-Erzählerin fungiert, geliebte Menschen verliert, werden nämlich in einer seltsamen 'Du'-Perspektive erzählt. So, als gäbe es plötzlich einen auktorialen Erzähler. Fehlte mir während des ganzen Buches durch die Ich-Perspektive die Distanz zur Geschichte, schließlich wird alles subjektiv aus Katherines Sicht erzählt, man lernt beispielsweise Alices Beweggründe gar nicht kennen, fragt man sich an dieser Stelle beunruhigt, wieso der Lektor, insofern es überhaupt einen gab, nicht den Rotstift angesetzt hat. Der Wechsel der Perspektive ist verwirrend, langatmig und unnütz. Ich schätze, James wollte dadurch Tempo in das Buch bringen, leider hat sie damit aber genau das Gegenteil bewirkt.
Wahnsinnig hat mich auch das Menschenbild der Autorin gemacht: Es gibt nur Gut und Böse, Menschen sind entweder das eine oder das andere. Ihre Figuren haben keinerlei Facetten, alle wirken in ein jugendbuchtypisches Klischee gepresst: Der nette, herzensgute Junge, die deprimierte Ich-Erzählerin, der geheimnisvolle Musiker, die flippige Psychologiestudentin mit Herz und die Psychopathin. 'Die Wahrheit über Alice' will so viel sein, dass es daran schier scheitert: Es ist weder ein gelungenes Jugendbuch, noch ein All-Ager und schon gar kein Psychothriller. Viele Themen streift das Buch nur - Sex beispielsweise. Oder Stalking. Überall wird groß angepriesen, dass sich das Buch mit Stalking auseinandersetzt, aber letztlich ging es um etwas ganz anderes: Um Rache. Alice hat nicht zufällig Katherine als Opfer gewählt und das wird dem aufmerksamen Leser schon sehr, sehr früh klar, was ein wichtiger Beleg dafür ist, dass der Roman viel zu konstruiert ist. Nichts erzählt James grundlos, hinter allem steckt eine erzählerische Absicht und bei jeder Vermutung, die sich einige Seiten später bestätigt, wird man noch unzufriedener. Dass die Protagonisten so platt rüberkommen, liegt vor allem daran, dass sie ständig wider jeder Vernunft handeln. Niemand ist je in der Lage rational zu handeln, ständig wird in blinden Aktionismus ausgebrochen, obwohl Katherine nicht müde wird zu betonen, dass sie so vernünftig und reif und erwachsen ist. Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich, dass sie eine gewisse Mitschuld am Tod ihrer Schwester trägt. Das mag gemein und herzlos klingen, weil sie nicht die Verantwortung für ihre Schwester hätte haben dürfen, war sie doch nur knapp ein Jahr älter, aber von einer zu dem Zeitpunkt Fünfzehnjährigen kann man mehr erwarten, als Katherine uns dargeboten hat.
Mich stört zudem die Grausamkeit, mit der Rebecca James die Hauptprotagonistin Katherine immer und immer wieder scheitern und vor allem verlieren lässt. Das Ende ist unbefriedigend, unversöhnlich und völlig enttäuschend. Gerade, als es scheint, Katherine käme zu dem Glück, das sie sich nach all den Strapazen, durch die die Autorin sie hat wanken lassen, wirklich redlich verdient, konstruiert die Autorin einen Super-GAU, der sich gewaschen hat und für mich ausschlaggebend war, das Buch mit nur einem Stern zu bewerten. Das war einfach nur unnötig, der Story nicht zuträglich - da sie ja eigentlich schon mehr oder weniger ein Ende gefunden hatte, mit dem wir alle hätten leben können - und hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.
Was mich besonders ängstigt: Der Hype, der um dieses Buch betrieben wird. Die Brigitte kürte das Buch zum besten neuen Krimi des Herbstes. Sieht man davon ab, dass James alles andere als einen Krimi vorgelegt hat, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, wie sie sich gegen Thrillergrößen wie Meg Gardiner oder Karin Slaughter durchsetzen konnte. Oder dass die Brigitte die 'Sexszene' (ich habe das bewusst in Anführungszeichen gesetzt, so etwas Keusches habe ich selten gelesen) in 'Die Wahrheit über Alice' als "die beste in den neuen Büchern" bezeichnen hat. Auch die vielen positiven Stimmen, die überall im Internet kursieren lassen mich an meinem Buchgeschmack zweifeln. (Bin ich ein Snob geworden?) Und vor allem: Wie hat es das Buch geschafft, sich in 36 Länder zu verkaufen? Und wieso, um Himmels Willen, wird Rebecca James mit der fabelhaften J. K. Rowling oder der immerhin noch ein wenig facettenreicheren Stephenie Meyer verglichen? Nur, weil das Buch so eine große Nachfrage hervorruft? Nicht alles, was sich einer großen Nachfrage erfreut, muss auch qualitativ anspruchsvoll sein. (Ich sage nur 'Tokio Hotel'.) 'Die Wahrheit über Alice' ist es jedenfalls nicht.