Leider ließ sich der originale Filmtitel "Where the Truth Lies" (was gleichermaßen "Wo die Wahrheit liegt" und "Wo die Wahrheit lügt" bedeutet) nicht unter Erhalt dieser Doppeldeutigkeit ins Deutsche übersetzen, was umso bedauerlicher ist, als dieses titelgebende Wortspiel kein reiner Selbstzweck ist, sondern die Vielschichtigkeit des Filmes bereits äußerst treffend umreißt:
Es geht gleichermaßen um Lügen wie um Wahrheiten, um verschiedene und verschobene Wahrnehmungen, um berechnendes und um schützendes Schweigen, um Vermutungen, Ahnungen, Wissen und Halbwissen, Schuldgefühle und Schuldzuweisungen und nicht zuletzt natürlich um die Auswirkungen all dessen.
In den 50er Jahren sind Lanny Morris (Kevin Bacon) und Vince Collins (Colin Firth) Topstars im Showgeschäft und führen zwischen Nachtclubauftritten und Fernsehshows, Halb- und Unterweltkontakten, Drogen und Mädchen ein Luxusleben auf der Überholspur.
Nachdem jedoch in ihrer Hotelsuite das tote Zimmermädchen Maureen aufgefunden wird, trennen die beiden sich abrupt und die polizeilichen Ermittlungen verlaufen im Sande.
15 Jahre später will Vince für eine Million Dollar seine Memoiren veröffentlichen und der Verlag sendet daraufhin die junge Journalistin Karen (Alison Lohman) zu ihm.
Objektiv ist Karen jedoch nicht, ist sie doch aus ganz persönlichen Gründen seit ihrer Kindheit ein großer Fan von Vince und Larry und somit zwischen ihrem beruflichen Ergeiz und ihrer persönlichen Verehrung für die beiden ehemaligen Stars hin- und hergerissen.
Die Auflösung muss hier natürlich für diejenigen, die den Film noch nicht kennen, verschwiegen werden, aber soviel darf verraten werden:
Ja, Karen wird die Wahrheit herausfinden.
Sie und andere Beteiligte werden dafür aber auch -zum Teil sehr teuer- bezahlen müssen und zuletzt wird Karen zusammen mit dem Zuschauer erkennen, daß die "Wahrheit" -wenn es denn überhaupt eine allgemeingültige und objektive solche geben sollte- nicht immer erlösend sein muss, sondern eine Lüge bzw ein gezieltes Verschweigen oftmals sehr viel barmherziger sein kann und wird daraus ihre ganz persönliche Konsequenz ziehen.
Das erste, was bei "Where the Truth Lies" auffällt, ist die ungeheure Eleganz und Stilsicherheit der Inszenierung.
Hier stimmt einfach jedes Detail, jedes exquisite Ausstattungsstück, jede Bildkomposition und jeder Farbtupfer sowie jeder einzelne Ton von Mychael Dannas Musik.
Selbst die Bilder der toten Maureen, von welchen wir das erste bereits während des Vorspannes sehen, sind an filmischer Ästhetik nicht zu überbieten.
Beim zweiten Blick fallen dann erstaunliche, nicht nur inhaltliche, sondern auch und vor allem stilistische Film-Noir-Anleihen auf, so zum Beispiel ausführliche Voice-Overs der handelnden Personen.
Auch die Trance-Sequenz von Karen (ich nenne das mal ganz bewusst so, um nicht zu spoilern) ist eine meisterhafte, psychedelisch und geradezu surreal anmutende Komposition aus Bildern, Farben, Ausstattung und Musik.
Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit von Regisseur Atom Egoyan mit Rupert Holmes nach dessen gleichnamigem Roman.
Die Handlung springt hierbei geschickt zwischen den beiden Handlungsebenen hin und her, die äußerst effektvoll ineinandergreifen und wobei keine Bemerkung, keine Begegnung und kein noch so klein erscheinendes Detail der Handlung zufällig ist.
Auch filmisch wird hier mit äußerst effektvollen Mitteln gearbeitet, so zum Beispiel, wenn das Bild der toten Maureen in das der über die Umstände ihres Todes nachgrübelnden Karen übergeblendet wird.
Herausragend sind auch Colin Firth und Kevin Bacon in den Hauptrollen, die die strahlenden Showhelden zwischen Erfolg und Abgründen aus Sex und Drogen in den 1957er Szenen genauso überzeugend spielen wie die etwas gealterten Hauptprotagonisten der Handlungsebene von 1972.
Alison Lohman fällt gegen diese Leistungen etwas ab, was aber wohl weniger an ihrem schauspielerischen Vermögen liegt (welches sie ja schon als blutjunge Nachwuchskünstlerin in "Weißer Oleander" beeindruckend unter Beweis gestellt hatte), sondern vielmehr daran, daß die Rolle der Karen schon von der Geschichte her etwas hinter den Figuren von Larry und Vince zurückbleibt.
Der in Ägypten geborene kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan gilt als Autorenfilmer und künstlerisches Chamäleon.
Mit "Where the Truth Lies" wagte er seinen ersten Ausflug ins hochbudgetierte Ausstattungskino für ein breites Publikum.
Da der Film jedoch in Amerika aufgrund recht explizierter Sexszenen in Verbindung mit der Drogen- und Homosexualitätsthematik eine NC-17-Einstufung erhielt, stand bereits im Vorfeld fest, daß der Film kommerziell kein überragender Erfolg werden konnte.
Bei uns war der Film ab 16 freigegeben.
Von Zuschauern und Kritikern wurde "Where the Truth Lies" damals gleichermaßen sehr gemischt aufgenommen, was sich zum Teil ja auch in den hiesigen amazon-Rezensionen spiegelt.
Insbesondere wurde an dem Film von diversen Kritikern eine gewisse Kühle und Künstlichkeit bemängelt.
Kühl und künstlich ist diese kühne Verbindung aus klassischem Film Noir, Melodram im Stil der 50er Jahre, Neo-Noir und Erotikthriller auch tatsächlich, was für mich jedoch ganz und gar kein Grund zur Kritik ist - im Gegenteil.
Ganz gewollt kühl und vor allem mit einem enormen Stilwillen seziert Egoyan hier das Gestrüpp aus "wahren Lügen" - und hat mich als Zuschauer fasziniert zurückgelassen.
Ich kann den Film allen Freunden ungewöhnlicher, vielschichtiger und elegant inszenierter Filme sowie allen Fans von Colin Firth und/oder Kevin Bacon, die hier beide herausragende Leistungen zeigen, nur empfehlen.