Ich war durch eine positive Buchbesprechung bei spiegel-online auf dieses Buch aufmerksam geworden. Schnell stellte ich fest, dass der Rezensent offenbar nur den Klappentext bzw. die einleitenden Worte des Autors abgeschrieben hat! Dort heißt es u.a.: "In diesem Buch erzählen Menschen des Mittelalters aus ihrem Leben, ja ganze Lebensgeschichten: wahre Kurzgeschichten aus dem späten Mittelalter." Das klang überaus interessant und daher habe ich den hohen Preis für den schmalen Band auch akzeptiert und mir das Buch gekauft. Ich erkannte aber schnell, getäuscht worden zu sein, denn "ganze Lebensgeschichten" liefert das Buch mitnichten, die längste Passage zu einer Person (und auch gleich eine der interessantesten, es handelt sich um die Erlebnisse eines Kölner Kaufmannes auf Zypern) umfasst drei Seiten, ansonsten aber sind die Orignialtexte jeweils nur 5-10 Zeílen lang. Das reicht nicht, um sich in eine Figur "hineinzulesen", der Rest des Buches besteht aus Paraphrasen des Autors, der die entsprechenden Quellen zu einem Themenkomplex (z.B. "Wirtshaus", "Kindheit", "Krieg", "Dörfliches Leben" usw.) erläuternd wiedergibt.
Das eigentliche Projekt ist sehr interessant, nämlich der Ansatz, die "kleinen Leute" zu Wort kommen zu lassen mit Hilfe von Dokumenten aus dem Vatikan. Und tatsächlich findet man in diesen Quellen eine Menge erzählenswerter Einzelheiten, man findet Schicksale (oft schreckliche) und unendlich viel Anekdotenmaterial. Die geschilderten Lebensausschnitte sind zudem oft drastisch und nicht selten existenzieller Natur, denn in den überlieferten Eingaben an den Vatikan ging es oft um echtes oder vermeintliches Fehlverhalten, nicht selten mit tödlicher Folge. Aber so, wie die Geschehnisse hier dargeboten werden, kann das Buch überhaupt nicht fesseln, denn die Versatzstücke, die wir jeweils zu einer Person geliefert bekommen, sind viel zu kurz.
Mich stört auch, dass der Autor mehrfach betont, dies sei Geschichte "aus der niedrigen Augenhöhe kleiner Beteiligter", eine "Perspektive, die der Historiker nur vorübergehend einmal einnehmen darf", hier berührten "kleines Leben" und "großes Geschehen" sich. Natürlich soll hier der der Verdacht, sich allzu sehr mit der doch im Grunde nichtigen Alltagsgeschichte beschäftigt zu haben, ausgeräumt werden. Mir ist auch klar, dass Alltagsgeschichte nicht alle Fragen beantworten kann und dass der "kleine Mensch" nicht immer das Ganze übersehen kann. Aber muss man das ständig betonen? Und ist es nicht so, dass die "Großen", die ja angeblich den Überblick haben müssten, oft sehr viel grausamer und unsinniger und schrecklicher gehandelt haben als die "Kleinen". Es ist doch völlig richtig, wenn Gottfried Benn die Geschichte der Menschheit mit einer Krankengeschichte vergleicht. Und wer hat denn diese Geschichte bestimmt, wer hat denn diese ständige Abfolge von Kriegen verursacht? Doch eher die "Großen" mit dem Überblick! Doch ich komme ab vom Buch und vom Thema.
Warum gebe ich also überhaupt drei Sterne? Weil das Buch aus wissenschaftlicher Sicht sehr gut und sorgfältig gemacht ist. Arnold Esch, ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der mittelalterlichen Geschichte, zitiert gewissenhaft und ausführlich, der Anmerkungsapparat ist dementsprechend gelungen (und dick, er umfasst 30 der insgesamt 220 Seiten). Außerdem ist das Buch sehr schön illustriert mit zu den Geschichten passenden Abbildungen, die jeweils auch gut kommentiert sind. Schließlich sind die einführenden quellenkritischen Bemerkungen ebenfalls sehr interessant und gelungen. Fazit: Ein schönes Lesebuch für Geschichtsstudenten, die sich mit der "Alltagsgeschichte" des Mittelalters beschäftigen wollen und die einen Einstieg zum Thema suchen. Es ist aber nichts für an Geschichte Interessierte, die sich, dem Klappentext folgend, mittelalterliche Lebensgeschichten erhoffen, die wirklich eine Person kennenlernen wollen, die auch einmal gefesselt sein wollen. Aus dem selben Grund ist es nichts für den schulischen Geschichtsunterricht, denn Schüler brauchen Anschauung. Ich vermute, dass die Quellen dafür, für längere Lebensausschnitte, nicht genug hergeben, man hätte dann schon ergänzen müssen, was wiederum dem wissenschaftlichen Anspruch des Buches nicht gerecht geworden wäre. Doch dann sollte man dem Leser auch nicht etwas Derartiges versprechen!