Ich habe auf dieses Buch drei Jahre lang gewartet: Im Mai 2005 erschien in der Zeitschrift "psychologie heute" ein Artikel von Martin Hecht zum Thema Freundschaft - darunter der kurze Hinweis, dass der Autor auch an einem Buch darüber schreibt. Der Artikel war so gut, dass er wenige Wochen später von der Mitarbeiterin einer Frauenzeitschrift einfach unter eigenem Namen abgeschrieben worden ist. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass es eine gemeinsame Schnittmenge von Leserinnen ihrer Frauenzeitschrift und den Leserinnen der Zeitschrift "psychologie heute" geben könnte - der Betrug fiel auf, und die Journalistin verlor außer ihrem guten Ruf auch ihren Job. Aber das nur als Anektdote am Rande.
Um es gleich vorneweg zu sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Das Buch von Martin Hecht zu lesen ist eine wahre Freude. Hecht kann einfach sehr gut schreiben und wunderbar treffend formulieren. Wer Spaß an Sprache und schönen, klugen Sätzen hat, der kommt auf jeder der 220 Seiten voll auf seine Kosten. Die Gedanken, die Hecht so gekonnt in Worte fassen kann, zeigen, dass hier einer weiß, wovon er spricht.
Der Autor definiert zunächst einmal, was Freundschaft überhaupt ist. Anschließend widmet er sich den Freundschaftsbeweisen sowie den Konflikten einer Freundschaft - und ihren Sternstunden. Freundschaft, schreibt Hecht, ist nicht der reine Zeitvertreib einer Wirtshaus-Geselligkeit und es hat auch nichts mit Networking zu tun. Zur Freundschaft gehören Offenheit und Verbindlichkeit und das Bemühen um eine Beziehung. Ein guter Freund ist nicht geizig, er verschenkt keine Bücher, die er selbst geschenkt bekommen hat und nun nicht mehr benötigt. Ein guter Freund ist nicht neidisch auf das Glück seines Freundes - aber Hecht beschreibt auch, wie schwierig es ist, befreundet zu bleiben, wenn er der Freunde im Leben nur Pech hat - und der von Jahr zu Jahr erfolgreicher wird. Freundschaft heißt, so Hecht, dass man die Nächte miteinander durchquatschen kann, dass man sich etwas zu sagen hat, loyal und verbindlich ist.
Nach dem Lesen des Buches bekommt man schnell das Gefühl, dass man selbst vielleicht nicht zu den Glücklichen gehört, die wahre Freunde im Hechtschen Sinn ihr eigen nennen können. Der Autor selbst hat diese Kritik vorweggenommen, indem er einen Freund zitiert, der ihm vorwirft, er beschreiben ledilich "5-Sterne-Freundschaften", so aber sei das wahre Leben doch gar nicht. Mag sein. Dennoch ist es schön, zu lesen, wie eine ideale Freundschaft aussehen könnte. Als Orientierungshilfe sozusagen.
Zwei winzig kleine Kritikpunkte vielleicht noch: Hecht, der eigentlich alles gesagt hat, was es zum Thema Freundschaft zu sagen gibt, hat mit keinem Wort das Internet erwähnt und die zahlreichen Foren, in denen viele Menschen glauben, "virtuelle Freundschaften" pflegen zu können. Und zweitens: das Freundschafts-Bild von Hecht bezieht sich auf eine westliche Kultur. Ein kleiner Schlenker zu "internationalen Freundschaften" wäre schön gewesen. Das Fehlen dieser beiden Aspekte mindert jedoch nicht die Anzahl der Punkte, die ich dem Autor gebe. Und weil es so gut ist, habe ich es inzwischen auch schon dreimal verschenkt - an meine Freunde natürlich.