(Virginia Woolf in ihrem Abschiesbrief an ihren Mann)
Frauen, die durch Repressionen so weit an den Rand gedrückt werden, dass sie aufgeben und verzweifeln, in den Wahnsinn bzw. die Sucht gehen oder sich gar das Leben nehmen. In diesen zutiefst zu Herzen gehenden biografischen Skizzen erfährt man etwas über die Psychologie der Magersucht, über lebenslange Depressionen, die im 2. Weltkrieg beispielsweise im Selbstmord enden u.v.m.
Warum Virginia Woolf und wie sie Selbstmord beging: ein fataler Nachmittag, an dem der Gatte sie bat, der Putzfrau zu helfen. Nicht weil sie dies nicht wollte, sondern wegen einer tiefen Depression, die zum fatalen Lebensende führte. Sie ging in das Gartenhaus, schrieb zwei Abschiedsbrief, ging an den nahe gelegenen Fluss (auf dem Land, Rodmell, nahe Brighton an der Südküste Englands) und steckte sich einige Steine in den Mantel, ging ins Wasser. Drei Wochen später wurde ihre Leiche gefunden und der Untersuchungsrichter formulierte: "Die 59-jährige hat Selbstmord begangen, weil ihr geistiges Gleichgewicht gestört war."
Was hatte dieses geistige Gleichgewicht so sehr bedroht? Der Krieg möglicherweise und permanente Überflüge von deutschen Bombern, das einsame Landleben ohne Gesellschaften, ohne Austausch und Gespräche, die sie von London her gewohnt war. Sie vermisste die Atmosphäre Londons sehr. Zudem rechnete man 1941 stündlich mit der deutschen Invasion, mit fatalen Folgen für ihren jüdischen Mann Leonard. Schon im Mai 1940 war man entschlossen, sich gemeinsam mit Autoabgasen zu töten, wenn Hitler käme. Später war Morphium vorgesehen. Es war also eine trübe, traurige Zeit, in der sich Virginia Woolf zudem von ihren Kritikern verfolgt sah und das Verhältnis zu ihrem Vater (Hass-Liebe) aufarbeiten wollte. Dieser hatte wohl zu hohe emotionale Forderungen gestellt, denen sie sich nicht gewachsen sah.
Welch dramatischen Wege Lebenslinien nehmen können, wie sie sich verdichten und im Dunkel enden, zeigt dieses Buch beeindruckend. Virginia Woolf ist eine bekannte Vertreterin, die anderen (von Johanna der Wahnsinnigen (1479-1555) bis Irmgard Keun (1905-1982)) sind weniger geläufig, aber in ihrer Entwicklung nicht weniger spannend zu lesen. "Einige in diesem Buch versammelten Frauenbiographien zeigen offenkundig, wie das Patriarchat handelt oder reagiert, wenn es gilt, die Komplexität weiblicher Kreativität oder weiblichen Genies zu reduzieren und zu vernichten." Selbstbewusste und ichstarke Frauen wurden früher als Bedrohung empfunden und ins Irrenhaus gesteckt.
Heute bedient man sich dazu feinerer, aber nichts desto weniger effizienter Methoden. Auch heute werden die Frauenleiden unterdrückt, negiert oder mit Psychopharmaka behandelt, der Wahnsinn ist nur ein gradueller, er ist nach wie vor da und kann mit diesem Buch in der Retro-Perspektive auf eine direktere Art und Weise nachvollzogen werden. "Pathologisierung weiblicher Leiden ist eine Strategie des Patriarchats, Frauen einander zu entfremden, Verbündete zu vereinzeln und zu isolieren, um sie desto besser unter Kontrolle zu haben. Das Patriarchat macht sich auf diese Weise selbst unangreifbar gegenüber Kritik und Veränderung." Auch heute noch reden Intellektuelle von Frauen als Hexen!
Ich habe in diesem Buch gelernt, dass wahnsinnige Frauen nichts anderes sind als eine Offenbarung von kreativem, phantasievollem Potential. Wir alle haben die Verpflichtung, dieses erlebte, wahnsinnige Leiden heute in geschlechtsübergreifender Art und Weise liebevoll zu erkennen und es für die Zukunft auszuschließen. Dazu gehören alle größeren und kleineren Kriege, im internationalen aber auch im ganz privaten Sinne. Ein kluges, empfehlenswertes Buch.