Foucault zu lesen erfordert vor allem eine Eigenschaft. Geduld. So stellt er z. B. die Annahme auf, daß, um den Wahnsinn zu begreifen, der Zeitpunkt gefunden werden muß, an dem er zu schweigen beginnt und die Vernunft das Reden übernimmt. "Es mußte die letzte Szene der ersten großen klassischen Tragödie sein..." (S. 250). Die letzte Szene von Racine's Andromaque. Dies ist eine der Stellen in Foucaults Werken, wo man sein Denken greifen kann, nachdem man sich durch unzählige Gedanken, Zitate, Definitionen (hier die Verwandtschaft zwischen Wahnsinn und Traum bzw. Irrtum) und deren ständigen Verwerfungen gekämpft hat. Wer die Geduld hierzu aufbringt wird, nicht nur an dieser Stelle, belohnt.
Derjenige der bereits die Geduld aufgebracht hat ein Buch von Foucault zu lesen, braucht sicherlich keine Rezension für seine Entscheidung. Für jemanden der sich erstmals mit Foucault auseinandersetzten will, empfehle ich zum besseren Verständnis von Wahnsinn und Gesellschaft vorab Die Geburt der Klinik. Auch wenn dieses Buch aus einem Gedanke von Wahnsinn und Gesellschaft hervorgegangen (vgl. Fußnote 74 S. 216) und später erschienen ist, scheint mir diese Umkehrung sinnvoll, da die Geburt der Klinik vom Umfang und Thematik her weniger Komplexität besitzt. Dort wird z. B. detailliert auf die Nosographie der Krankheiten und deren Bezug zur Botanik oder der Bedeutung des Fiebers eingegangen, Themen, die ich in Wahnsinn und Gesellschaft als mehr oder weniger "vorausgesetzt" betrachten würde.