Das bizarre Wahlkampfspektakel im hinterwäldlerischen Inland von Trinidad bringt Geldgier, Aberglaube, Standesdünkel und Machtpoker zum Vorschein. Das übliche Demokratieverständnis wird parodiert; so erklärt Harichand, der örtliche Druckunternehmer, ganz ernst: Demokratie ist, wenn ich an den Druckaufträgen der Parteien verdiene.
Vermutlich hat Naipaul das alles wirklich so erlebt, wie er es als Roman schildert. Er kannte das Ränkespiel der Politik aus der eigenen Familie mütterlicherseits, und der Vater war ein kleiner Journalist.
Und so wirken die Figuren alle aus dem prallen Leben gegriffen mitsamt ihrem ständigen Bestreben, sich von anderen Religionen, Rassen und Einkommensklassen abzusetzen. Man ist hautnah dabei in diesem heißen, feuchten, schlammigen Landstrich, wenn sich blasierte Handwerker und Kaufleute aufspielen und Wahlhelfer krampfhaft Kranke suchen, die der Kandidat mildtätig unterstützen (oder gern auch beerdigen) könnte. Das kaputte lokale Englisch der arrivierten Lokalgrößen wirkt noch eigentümlicher als bei den Handlangern und Tagelöhnern, die Naipaul sonst beschreibt.
Es ist das dritte Buch seiner Karriere; doch als V.S. Naipaul mit dem Schreiben begann, waren die ersten beiden noch nicht erschienen. Auf den ersten Blick passt "The Suffrage of Elvira" (dt. "Wahlkampf auf karibisch") gut in den Reigen der vier frühen Naipaul-Bücher - geschrieben in England, doch noch zehrend von der Jugend und einem späteren Heimatbesuch in Trinidad: kauzige, humorige Tropen-Bücher voller Slapstick, Melankomie, krudem Pidgin-Englisch und subtil genauer Beobachtung. Insgesamt unterhaltsames Hot Country Multikultur Entertainment nach meinem Geschmack.
"The Suffrage of Elvira" ist jedoch einen Tick dunkler und grimmiger als "Miguel Street", "Der mystische Masseur" oder "Ein Haus für Mr. Biswas". In "The Suffrage of Elvira" zeigt Naipaul etwas weniger fein lächelnde Menschenliebe und mehr sarkastische, offene Satire als bei anderen frühen Büchern. Offenbar befeuerte ihn auch die Wut auf seinen Verleger André Deutsch, der die fertigen Manuskripte "Miguel Street" und "Mystic Masseur" nicht herausbrachte. Lesenswert, unterhaltsam und spannend ist "Elvira" allemal. Auch die Konstruktion überzeugt, wie immer in der frühen Phase mit viel Dialog und wechselnden Perspektiven. Ich kenne jedoch nur das englische Original und konnte die deutsche Übersetzung hier auf Amazon leider nicht einsehen; das Pidgin-Englisch der Dialoge ist eine Herausforderung, in voller Qualität lässt es sich nicht eindeutschen.
Fragt sich, warum die SZ diesen frühen Naipaul für ihre Humor-Reihe gewählt hat. Rechtliche Gründe? Naipauls anderen Frühwerke sind nämlich lustiger, oder zumindest subtiler und gleich lustig. Das gilt besonders für "Mr. Biswas", der zudem gut übersetzt wurde - gut meint hier, das amüsante Pidgin-Englisch wurde in Normaldeutsch übertragen. Lustig ist auch der "Mystische Masseur", doch dessen Eindeutschung leidet schwer unter dem Versuch, das Pidgin-Englisch der Dialoge in ein fantasiertes Pidgin-Deutsch umzusetzen.
Wer Englisch liest und Spaß an Naipauls karibischen, kauzigen Pidgin-Dialogen hat, sollte unbedingt "Miguel Street" bestellen, ein zu Unrecht vergessenes Juwel. Empfehlenswert, wenn auch nicht ganz auf dem selben Niveau, ist in diesem Kontext außerdem "Fireflies" von Naipauls kleinem Bruder Shiva Naipaul. Sogar die Gurudeva-Episoden des Vaters Seepersad Naipaul sind keine vergeudete Zeit.
Der wahre Meister ist jedoch V.S. Naipaul, und er hat mit "Mr. Stone and the Knights Companion" noch eine gelungene, feinsinnige London-Satire geschrieben, die kurz nach den Trinidad-Romanen und vor den späteren, ernsten Meisterwerken wie "A Bend in the River" oder den Indien-Berichten entstandt. "Mr. Stone" gibt es auch als Teil des Sammelbands "The Nightwatchman's Occurrence Book"; der enthält zudem "Suffrage of Elvira" (also das Original von "Wahlkampf auf karibisch") und einige exzellente, ebenfalls subtil humorvolle Kurzgeschichten, so das Titelstück.