jutta voigt, *1941, studium der philosophie und sich meistens aufgehalten: in berlin, am prenzlauer berg. sie ist nicht groß herumgereist - die welt purzelte herein in ihre cafes, die sie regelmäßig aufsuchte für ihre wöchentlichen, fast wie ein hobby wirkenden interviews. die reportagen sind nun zusammengetragen in der buch-publikation WAHLBEKANNTSCHAFTEN. wer seine zeitungen also nicht ordentlich zu archivieren in der lage ist und nicht innerhalb von minuten die interessantesten essays der letzten zeit herausgriffeln kann (haben wir da nicht fast alle ein defizit?) - der ist mit diesem büchlein reich beschenkt, denn da tauchen sie wieder auf: im "cafe möhring" der gitarrist roland ploog, der spielt wie django reinhardt und der sich die alten nadelstreifen-anzüge der 30er-jahre auf dem flohmarkt zusammenklaubt; im "balzac coffee" in der schönhauser allee der veterinär tim brosig, der von sich sagt, er sei ein zyniker und schreibe an einem buch, das zeige, dass der mensch sich nicht groß vom tier unterscheide. brosig ist auch ein zyniker sich selbst gegenüber: er erzählt schonungslos von seiner schüchternheit gegenüber frauen und der daraus resultierenden einsamkeit. würde er es sich nicht zum vorwurf machen, nähme er es als schicksals-verdikt, hätte diese passage etwas weniger düsterkeit und mehr lichtbringenden humor. vergleicht man jutta voigt mit anderen essayisten, fällt auf, dass sie in den recht depressiven tonfall einer marie-luise scherer (DER AKKORDEONSPIELER) erfreulicherweise nicht hinabrutscht - aber auch nicht ganz die spöttische leichtigkeit des erfolgsverwöhnten roger willemsen (GUTE TAGE, DEUTSCHLANDREISE) erklettert - manchmal schafft sie es aber durchaus: so wenn sie sich mit soziologischer kühle und angrenzendem spott ins "café bilderbuch" in der akazienstraße verbeißt. sie lässt ihren blick (und nachträglich ihre aufschreib-hand) schweifen über eine blonde frau mit übereinander geschlagenen beinen, dann hinüber zur psychothriller schreibenden wirtin, weiter auf ein ungarisches paar vor einer kaltgewordenen tasse tee sowie zwei dunkelhäutige frauen vor einem mensch-ärgere-dich-nicht-spiel, ruck rüber zum kerl mit baseball-kappe und laptop, letzter schwenk, und da rastet er ein: erol yavuz. wieder einmal ist die wahlbekanntschaft des ortes festgelegt. und was sie knacken will, das gelingt ihr auch: der von seiner frau geschiedene türke versalbadert sich in seiner theorie, dass diejenigen frauen mit kopftüchern am hingebungsvollsten sexuellen beschäftigungen nachhingen. auf den film GEGEN DIE WAND mit sibel kekilli meint er wie zum beleg hinweisen zu müssen. ob da nicht erlittene verletzungen und unverdaute rachegefühle den theorie-bildenden geist eingenebelt haben? die cafe-erforschungs-route der jutta voigt würde man gerne einmal selbst ausprobieren - wer nicht in berlin wohnt, sollte sich ersatzweise zumindest das buch besorgen ...