Eine schöne Frau fährt nächtens im Auto die Straße entlang. Sie hört Opernmusik und weint. Wegen der Musik? Oder hat es einen anderen Grund? Wir werden es nie erfahren! Der Film führt sie ästhetisch geheimnis- und bedeutungsvoll ein, nur damit Gangster sie aus dem Wagen und aus dem Film zerren. War das nun eine Huldigung der Art, dass auch Winzrollen ernstgenommen werden? Oder nur ein abgeschmackter Popanz und Wichtigtuerei? Eher Letzteres, denn wie schwachsinnig die Szene endet, ist kaum zu glauben. Die Gangster fahren in dem Auto, es ist inzwischen Tag geworden, die Operncassette läuft immer noch. Wie oft hat sich wohl schon die Auto-Reverse-Funktion betätigt? Da plötzlich fällt Mickey (Gérard Dépardieu) ein, dass ihm die Opernmusik auf den Zeiger geht, was ihm offenbar die ganze Nacht lang egal war. Hastig drückt er Knöpfe, bis Popmusik ertönt. Der ganze Aufwand nur, um zu zeigen, wie (nervös) Mickey tickt?
Dabei weiß die ausgetüftelte Bildkomposition zunächst zu gefallen. Endlose Fluchtperspektiven in Tiefenschärfe, ein Verzicht auf Kameraschwenks und Schnitte, die den Blick auf dasjenige schärfen, was im Bild passiert: Ein Licht geht an, eine Aktion wird dadurch eingeleitet. Oder: Eine Person verlässt eine andere, die Kamera begleitet sie jedoch nicht, sondern verharrt auf dem Zurückgelassenen, um seinen Blick zu studieren und/oder den Lichtzauber auf seinem Gesicht einzufangen, der dadurch entsteht, dass ein paar Meter daneben eine Tür auf- und zugeht. Diese Technik des Verharrens hatte eine Zeitlang inhaltliche Berechtigung: Wenn jemand die Szene verlässt, ist sie entgegen den Erwartungen noch nicht zu Ende; gerade bei Mickey ist es fast schon ein etwas zu breitgetretener running gag, dass er immer noch ein Mal zurückkommt.
So werden wir eine Zeitlang recht kunstvoll unterhalten, aber irgendwann ist da nur noch Kunst und keine Unterhaltung mehr. Der Film übererfüllt die Vorurteile gegen französisches Kino. Ich würde mich an Logiklöchern wie dem oben geschilderten ja gar nicht aufhalten, wenn mir dies nicht symptomatisch wäre für das Aufblähen eines Nichts, für gepflegtes Gähnen, was sich nach einer gewissen Zeit einstellt. Der Film mag seine Bildästhetik bei großen Amerikanern (etwa bei William Wyler, Sydney Lumet und allgemein dem Film Noir mit Tiefenschärfen und Fluchtperspektiven) abgeguckt haben. Eines hat er aber vergessen, von Hollywood zu lernen: das Geschichtenerzählen. Das Problem des Filmes ist nicht einmal so sehr, dass er kein Geschichtenerzählfilm im klassischen Sinne ist - er darf es sein, er darf ruhig mäandern. Sein Problem ist, dass er VORGIBT, ein Geschichtenerzählfilm zu sein, dass er dabei den Zuschauer bevormundet und dass er ab und an handfesten Schwachsinn von sich gibt. Um das zu erklären, ein paar Worte zur Handlung: Drei Gangster brechen aus dem Knast aus, bis auf den bereits erwähnten Mickey sind sie bald tot. Parallel sehen wir einen Handlungsstrang um den Gestütsbesitzer Noel Durieux (Yves Montand) und seine schöne Frau Nicole (Catherine Deneuve) und noch ein paar Stränge und Nebenfiguren mehr. Bald ist klar, dass sie irgendwie alle zusammenhängen. Noel war auch einmal ein schwerer Junge, der einen von Mickeys Kumpanen kennt, aber vom impulsiven Mickey bedroht wird und ihm zur Flucht verhelfen soll. Um nicht weiter in Ungewissheit zu leben (wie gesagt, Mickey ist nie wirklich fort, auch wenn er die Szene verlassen hat), möchte Noel Mickey finden und die Angelegenheit "regeln" - was das heißen soll, weiß er selbst wohl noch nicht so recht. Noel begibt sich auf Spurensuche... Mann, ist das ein Puzzlespiel. Die Vielzahl von Nebenhandlungen und -figuren führt zu einem wilden wer will was von wem warum, der Film will durchaus eine klassische Handlungsbedeutung haben, verzettelnt sich aber dabei. Das Interesse lässt bald arg nach. Der Film zeigt nämlich einerseits die Dinge enervierend detailgenau (Noel hängt die Pistole buchstäblich an den Nagel, Großaufnahme der Pistole, Halbtotale des Waffentresors, Tresortür zu, Holzverkleidungstür zu, und später Holzverkleidungstür auf, Tresortür auf, Halbtotale des Waffenarsenals, Großaufnahme der Pistole, Noel nimmt sie herunter). Andererseits bricht er Szenen oft mittendrin ab. Gelegentlich immerhin kunstvoll mit Tonillusionen im Übergangsmoment (Noel hat die Pistole, wird er schießen? Nein, das "Tsch" ist nur der Wellenschlag des Meeres in der nächsten Szene, etc.). Doch diese Kombination aus Bedeutungsvollem, Langgezogenem einerseits und abgebrochenen Szenen andererseits bevormundet den Zuschauer. Er wird über Gebühr gelenkt. Es gibt streng genommen nur wenige Szenen, die nicht zur Handlung gehören. Daher ist der Film mäandernd bei gleichzeitiger Suggestion, alles sei wichtig. Es ist eigentlich kein Film, es ist ein Puzzlespiel. Und das ist langweilig bis ärgerlich, wenn man nicht puzzeln darf, wie man will, sondern wenn einem diktiert wird, wann man die Teile ganz genau betrachten soll und wann man vorschnell an einer anderen Ecke weiterarbeiten soll.
Zwischendrin zerfasert der Film so sehr in seine Einzelteile, dass der fehlende Kitt schonungslos offenbart, wie billig einige seiner Figuren im Grunde sind und wie sie nur als seelenlose Puzzleteile dienen. Catherine Deneuve trifft es am Härtesten. Ist ihre Rolle schon zu Beginn zu sehr Deneuve-Ikone, so fehlt ihr später völlig der Saft, die Kraft und das Eigenleben. Nicole sitzt irgendwann in einem Hotel fernab von Noel, und der Film scheint sich in dieser Passage gesagt zu haben, ich muss die Deneuve alle 10 bis 15 Minuten einmal zeigen, sonst meckern die männlichen Zuschauer. Und so darf sie wie auf Knopfdruck ihr schönes Haar und ihren wirklich großartigen, nachdenklichen Kinoblick ab und an in einem Designermöbelambiente in die Kamera halten, so als wären dies Einsprengsel aus einem anderen Film. Das ist schade, denn sie kann bei guter Führung ganz großartig sein, und ihre Rolle bekommt später noch einmal eine wichtige Bedeutung - um dann aber ganz aus dem Film zu verschwinden, von dem wir auch danach noch nicht hoffen dürfen, dass er nun bald zu Ende ist. Immerhin wird uns später vermittelt, wie bedeutungsvoll Nicole für Noel ist, wie überhaupt einzelne Szenen des Finales von großer Kraft sind und mit der ambivalenten Männerbeziehung Noel/Mickey in die Fußstapfen großer Gangsterfilme treten. Auch die Auflösung des Verhältnisses Noels zu der Polizei ist ähnlich stark und zieht auf sehr originelle Weise ein absolut trostloses Résumé über die Gesetzeshüter (aber wiederum: Musste es gut zwei Stunden bis dahin dauern?). Richtig ärgerlich hingegen ist - und damit endet leider der Film, so dass es einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt -, wie hier ein niedlich-trauriges Kindergesicht instrumentalisiert wird. Das grenzt schon an Kindesmissbrauch durch das Kino! Mickey hatte mal eine Frau "gestoßen", die danach "gefüllt" war (wie peinlich sind eigentlich deutsche Synchronisationen von französischem Argot?). Nun hat er eine Tochter, die niedlich aussieht, traurig dreinschaut und bei einem älteren grummeligen Mann lebt (Pflegevater? Großvater?). In übelster Weise wird der Rührfaktor dieses Kindergesichts missbraucht, um zu demonstrieren, dass Gewaltverbrecher Mickey auch sowas wie ein Herz hat. Er schafft es andauernd, dem Mädchen zu begegnen, dringt mehrmals in ihr Haus ein, macht ihr Geschenke etc., wird mehrmals von dem erwähnten Pseudo-Vater erwischt, der dann auch weiß, wer Mickey ist. Wir rekapitulieren: Da ist ein gewalttätiger, unberechenbarer Verbrecher aus dem Gefängnis entflohen, er hat Menschen umgebracht, und so einer kann mehrmals bei der Tochter herumstalken, ohne dass der Erziehungsberechtigte die Polente ruft und dafür sorgt, dass sich dieser Irre nicht mal mehr auf 500 Meter dem Haus nähern darf? Das Mädchen lässt sich freiwillig von einem Mann, den es nur als Eindringling kennt, auf dem Arm aus dem Haus tragen und darf einen Ausflug ans Meer genießen? Und am Ende, wo Mickey tot ist, dürfen Noel und seine Kumpane quasi den letzten Willen des irgendwie doch so netten Mickey vollstrecken, indem sie das Mädchen entführen, um ihm eine bessere Zukunft zu bieten als der grummelnde Alte? Das sind Szenen, die schwer zu ertragen sind und bei denen das Kindeswohl dem emotionalen Kalkül geopfert wird - eine völlige Instrumentalisierung des Kindes für das Kino-Sentiment, bei der nach der Meinung des Kindes überhaupt nicht gefragt wird. Ich fand das abstoßend! Auf jeden Fall ist der Film stinklangweilig, wegen einiger guter Szenen (siehe oben) noch zwei Sterne.
Die DVD-Qualität ist gut, es gibt den deutschen und französischen Ton, optionale deutsche Untertitel und keine nennenswerten Extras.