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Neuerscheinungen zu Werk und Ausstrahlung des Komponisten
Ein Ende der Wagner-Forschung sei nicht abzusehen: Egon Voss, Wagner-Fachmann seit Jahrzehnten, lobt an dem stets wieder neu ins Blickfeld rückenden Material die vielfältige Deutbarkeit von Richard Wagners Kunstwelt. Das gibt auch ihm die Möglichkeit, sich aus verschiedenen Perspektiven mit diesem Kosmos auseinanderzusetzen. Er geht dabei teilweise von ungewohnten, aparten Themenstellungen aus wie etwa «Wagners Striche im Tristan» oder «Kammermusik in den Dramen Richard Wagners». Der Sammelband umfasst 32 Aufsätze aus einem Zeitraum von rund zwanzig Jahren. Für verschiedenartigste und ungleich gewichtete Anlässe entstanden, unternehmen sie nicht den Versuch einer ausgleichenden Vereinheitlichung. Da kommt tatsächlich alles zu (fast) allem: Leicht-Lockeres zu Banalem, Anregendes zu Abgedroschenem. Einige Texte begnügen sich mit blosser Informationsvermittlung. Einmal mehr kritisiert der Autor Alfred Lorenz' bis heute immer wieder benütztes vierbändiges Werk zur Form bei Wagner (192433), das Symmetrieverhältnisse aus der Statik der bildenden Künste auf den Zeitverlauf der Musik überträgt. Bunt gemischt zeigt sich auch das nicht nach Sparten gegliederte Register «Werke Wagners»: so steht neben der «Walküre» gleich «Wahlspruch für die deutsche Feuerwehr».
«Das Wagner-Kompendium» auch da kommt (fast) alles zu allem. Vergleichbare Kompendien gibt es aus dem Droemer-Knaur-Verlag zu Mozart und Beethoven. Ein Handbuch, das laut eigenem Anspruch «über alle wichtigen Aspekte der Person Wagners und seiner Musik umfassend informieren» soll. Das reicht von «Who's who der Zeitgenossen Wagners» bis zu «Wagners Handschrift», von «Schriften» bis «Rezeption», von «Quellen» bis «Aufführungsgeschichte». Achtzehn Wagner-Experten haben mitgewirkt. Beim Stichwort «Zeitgeschichtlicher Hintergrund» wird gleich zu «Spätzeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation» zurückgeblättert. «Geistesgeschichtlicher Hintergrund» hakt bei Voltaire und Leibniz ein. Im «Wagner-Glossar» wird man zum Stichwort «patriarchalische Melodie» unterrichtet es ist eine reichlich schwammige Definition für die Benützung nur einer «Tonleiter» innerhalb eines Werkes oder Werkabschnittes. Bei «Instrumentation» ist zum Stichwort «Harfe» zu vernehmen, dass Wagner und Strauss nicht «gut» für Harfe komponierten, weil sie das Instrument behandelten, als werde es mit fünf Fingern gespielt statt mit vier als Kapellmeister hätten sie sich tatsächlich besser informieren müssen! Zum Stichwort «Die Vaterfrage» lässt der mit Barry Millington gezeichnete Artikel die Alternative Carl Friedrich Wagner / Ludwig Geyer offen, erklärt aber Wagners Minderwertigkeitskomplexe und Antisemitismus auch mit diesem Unsicherheitsmoment und verweist auf die Häufigkeit männlicher Wagner-Helden (mit offener Vaterschaft) Siegmund, Siegfried, Tristan, Parsifal. Schliesslich wird der Anspruch erhoben, dass die Bibliographie «das bislang umfassendste Verzeichnis von Wagners Schriften, Reden, offnen Briefen und Kritiken» enthalte.
Zu beweisen, dass die «Bayreuther Blätter» ein Nährboden für Deutschtumsideologie und Rassismus waren, ist keine schwierige Aufgabe Richard Wagner erwog schon Ende der vierziger Jahre die Gründung einer eigenen Zeitschrift, als Sprachrohr und Publikationsorgan seiner Schriften und Gedanken. Die «Bayreuther Blätter» stellten im 61. Jahrgang im Jahr 1938 das Erscheinen ein also zu einer für sie doch «günstigen» Zeit. Mit einem Textumfang von nahezu 20 000 Seiten waren sie den Strömungen in Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittem Reich offengestanden, nicht nur der Wagner-Forschung im engen Sinn. Sie transportierten auch gewichtiges Material zu Kultur, Literatur, Philosophie, Religion und Zeitgeschichte. So wirkten sie ideologiebildend für nationalkonservative, kulturpessimistische, antisemitische Gedanken, Strömungen, Stimmungen. Der Titel der Arbeit von Annette Hein, «Es ist viel Hitler in Wagner», ist einem Brief Thomas Manns an Emil Preetorius vom 6. Dezember 1949 entnommen und könnte als Grundhaltung fast für die ganze Zeit des Erscheinens der «Bayreuther Blätter» verstanden werden.
Annette Hein sieht einen Grund dafür, dass die «Bayreuther Blätter» bisher kaum ernsthaft analysiert worden seien, vor allem im riesigen Textumfang. Aufgelistet sind da die Beispiele für wirtschaftlichen, religiösen, politischen, rassischen Antisemitismus, gestützt von Nationalismus, Antidemokratismus, mit Ausläufern zu Lebensreform und Antivivisektion. Doch Stimmen wie die Friedrich Hofmanns, der auf den Bauernstand als «Blutsvorrat und rasseerhaltenden Faktor» pochte, brauchten sich nicht auf die «Bayreuther Blätter» zu beschränken sie hätten auch später vernehmbar sein können, sogar in Verbindung mit Forderungen nach Nikotin- und Alkoholabstinenz. Für den Sommer 1882 war die «Errichtung eines vegetarischen Tisches» in Bayreuth während der Festspielzeit geplant.
Die Studie von Hein überschreitet zeitlich das Erscheinen der «Bayreuther Blätter» um einiges. Aufmerksamkeit erfährt auch Winifred Wagner. Die engen Beziehungen Hitlers zum Haus Wahnfried dauerten bis 1945. Selbst Winifreds Spätzeit wird noch zitiert, schliesslich hielt sie an ihrer Bewunderung für den Führer bis zuletzt fest.
Rolf Urs Ringger
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