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Das Ereignis der Aufnahme ist sicher Carlos Kleiber, dieser unglaubliche Dirigent und Musiker. Sein Tristan-Dirigat ist so ideal, dass man es sich nur schwerlich besser vorstellen kann. Vieles klingt hier, trotz anderer, eminent gut dirigierter Aufnahmen, sei es von Furtwängler, Bernstein oder Thielemann, als höre man zum ersten Mal den Tristan so, wie er sein soll. Es ist natürlich Spekulation, aber ich könnte mir vorstellen, Wagner hätte diese Aufnahme geliebt.
Alles ist ungemein logisch entwickelt, Kleiber kann Zusammenhänge herstellen wie kaum ein anderer. Er läßt die Musik sich ganz natürlich entfalten, ohne jemals die Zügel schleifen zu lassen. Nie verliert er die Spannung, ohne aber in ein langweiliges Dauerespressivo, wie man es gerade beim Tristan häufig hört, zu verfallen. Er steht unter Strom, ohne den Laden zu überhitzen. Er kann feinste Nuancen zeichnen, hat auch die nötige Spannkraft und Ruhe für die langsamen Passagen, etwas im Liebesduett im zweiten Akt, das ihm im wahrsten Sinn des Wortes "traumhaft schön" gelingt. Und natürlich für auch für das Vorspiel oder den Liebestod.
Er hat einen herrlichen Klangsinn, entlockt der wunderbaren Dresdner Staatskapelle unglaubliche Schönheiten. Da fallen kleine, technische Mängel des Orchesters wie im Vorspiel des zweiten Akts wahrlich nicht ins Gewicht - man wird mehr als reich dafür entschädigt. Besonders die Streicher klingen wie aus einer anderen Welt - schöner geht es fast nicht.
Der Grundklang ist eher dunkel und vermeidet allzu große Direktheit, sicher klingt die Partitur bei manch anderen Dirigenten transparenter, aber gerade der etwas verhangene Klang, das nicht ganz Greifbare machen für mich den Reiz, den Zauber dieser Aufnahme aus, und passt überdies hervorragend zu dieser singulären Musik. Die erfordert keinen Technokraten, keinen der die Partitur seziert, sondern einen sensiblen Klangregisseur.
Hier stimmt jedes Detail, jede Phrase ist perfekt austariert. Das Verhältnis der Harmonien zueinander, das Verhältnis von Spannung und Entspannung ist ideal gewichtet. Dass Kleiber dies alles gelingt, ohne den Fluss, ohne die Natürlichkeit, ohne die Emotionalität der Musik zu vernachlässigen, ist, denke ich, sein großes Geheimnis. Er hat zunächst akribisch geprobt, aber dann im Konzert - oder hier im Studio - die Zügel locker lassen können. Ich denke mir, er war dann, auch wenn es etwas pathetisch klingt, nicht Orchesterleiter, nicht Dirigent, sondern er wurde hunderprozentig eins mit der Musik. Er war dann "die Musik", hat die Musik in diesem Augenblick so erlebt, als wenn sie gerade von ihm in diesem Augenblick komponiert würde. Wer ihn auf Video sieht, kann das vielleicht nachvollziehen. Man kann sich seiner Austrahlung, seiner sichtlichen Freude an der Musik nicht entziehen. Die Musik steht in seinem Gesicht, in seiner Körperhaltung, in seinen Gesten geschrieben. Die Musiker müssen nur hinschauen und lesen, und wissen ganz genau, welcher Ausdruck gefodert ist. Ein Jahrhundertgenie, ohne Zweifel.
Wie steht es nun aber um die Sänger? Nun, ich finde, überwiegend ganz hervorragend. Die Sensation ist sicher Maragret Price. Sie hat Isolde nicht auf der Bühne gesungen, aber was sie auf dieser CD abliefert, ist ein Lehrstunde in Wagnergesang. Eine besser gesungene Isolde hab ich nie gehört. Ihr Klang ist perfekt, ein bisschen dunkel gefärbt, ideal fokussiert und von berückender Schönhert. Die Resonanz und damit die Tranfähigkeit, die sie erreicht, ist für eine so lyrische Stimme erstaunlich. Ihr Legato ist ohne Beispiel, ihre Phrasierung, ihre Musikalität sind nahezu ideal. Eine der ganz großen Sängerinnen ihrer Zeit! Natürlich hat sie keine hochdarmatische Röhre wie Birgit Nilson, aber gerade das macht den Zauber ihrer Isolde aus. Jugendlich, bei aller Perfektion dennoch emotional, dennoch sowohl fesselnd als auch anrührend, ist hier endlich eine singende Isolde. Eine Isolde, die in erster Linie wunderbar singt, wunderbar musiziert, nicht nur den Text heftig deklamiert. Sie macht einem dabei allerdings auch schmerzlich bewußt, mit was für rohen Klängen wir uns heutezutage oft zufrieden geben müssen. Wo sind heute Sänger vom Format einer Maraget Price? Viele gibt es leider nicht!
Ihr ebenbürtig ist die sensationelle Brigitte Fassbaender als Brangäne. Trotz Christa Ludwig ist sie für mich die beste Brangäne, die ich je gehört habe. Und sie passt mit ihrer eminent musikalischen und herrlich gesungenen Brangäne ideal zur Isolde von Margaret Price. Auch klanglich mischen sich diese beiden Stimmen wunderbar. Ich bin ein großer Fan von Brigitte Fassbaender und halte sie für eine der vollkommensten Sängerinnen ihrer Zeit. Was für eine Sängerin, aber auch was für eine Darstellerin. Bei ihr gibt es praktisch nichts zu kritisieren, sie ist der Perfektion nahe! Von welchem Sänger kann man das schon sagen?
In der gleichen Liga agiert der wunderbare König Marke von Kurt Moll. Ihm kann von den jüngeren Sänger (wenn man nicht bis Kipnis zurück gehen will) vermutlich einzig Karl Ridderbusch in der Karajan Aufnahme das Wasser reichen. Ein Marke, herrlich gesungen, voll Emotionalität, voll Ausdruck, auch voller Entäuschung über den Betrug, voller stiller Wut und tiefer, innerer Trauer. Aber auch ein Marke der herrlichen musikalischen Nuancen, ein Marke, dem man auch 10 Stunden statt der 10 Minuten im 2. Akt zuhören könnte.
Etwas problematisch ist die Leistung von Dietrich Fischer-Dieskau, der im ersten Akt die Spottgesänge des Kurwenal ein bisschen arg derb, ja, eher deklamiert als singt. Seine besten Momente sind die Lyrischen, etwas im dritten Akt sein "Bist Du nun tod? ...". Da zeigt sich, welch eminenter Sänger er auch 1982 immer noch war.
Fehlt noch Rene Kollo von den Hauptdarstellern. Er ist der am meisten kritisierte Sänger dieser Aufnahme, und kein Zweifel, sein Trisan ist sicher nicht ideal. Aber welcher Trsitan ist das schon? Sicher, wie gut hätte ein Fritz Wunderlich, wenn er nicht so früh gestorben wäre, in das Konzept dieser Aufnahme gepasst. Aber, leider hat das nicht sollen sein. Und ohne Zweifel war Rene Kollo der beste Tristan seiner Generation und sicher auch der beste, der 1982 verfügbar war. Seine größte Schwäche ist für mich, dass er die Phrasen nicht wirklich klangvoll und entspannt durchsingen kann. Der Klangstrom kling immer ein bisschen gepresst und reisst beim Wechseln des Tones für einen Augenblick ab. Das fällt natürlich besonders neben dem idealen Singen von Margaret Price ein bisschen negativ auf. Aber Rene Kollo hat auch sehr viel zu bieten: ein echt temorales Timbre, dass immer noch recht jugendlich klingt, die gute Durchschlagkraft seiner eigentlich nicht allzu großen Stimme, seine exzellente Diktion. Und vor allem seine unbestrittene Musikalität, mit der er vieles wett macht. Er prasiert vielleicht nicht immer gesangstechnisch ideal, aber immer sehr musikalisch. Er kennst und versteht die Rolle und das Stück aus dem FF - war immer ein ungemein intelligenter Sänger. Und nicht zuletzt, gerade im letzten Akt: er opfert sich voll und ganz in der Rolle auf, er durchleidet die Leiden Tristans. Ohne Zweifel war er einer der großen Singschauspieler seiner Generation. Wer das nicht glaubt, der sehe sich seinen Bayreuther Tristan in der Ponnelle-Inzeneierung an. Wen das nicht rührt, der hat kein Herz.
Die übrigen Sänger sind OK, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob ihrer kleinen Rollen fällt das aber nicht allzusehr ins Gewicht. Die Klangtechnik ist nicht ideal, ein wenig zu indifferent und entferntm finde ich. Was mir aber gut gefällt ist, dass die Sänger nicht so penetrant nach vorne gezogen werden, um uns größere Stimmen vorzugaukeln als wirklich vorhanden, wie das in vielen Aufnahmen neueren Datums der Fall ist. Der Balance zwischen Orchester und Sängern kommt ziemlich gut an eine Live-Aufführung hin. Allenfalls Maraget Price wurde vielleicht ein klein bisschen nach vorne gezogen, könnte ich mir vorstellen.
Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass dieser Tristian für mich ein singulares Ereignis ist! Achtung, Suchtgefahr!
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