In der Rezensionsgeschichte kommt diese Aufnahme nicht besonders gut weg. Die Gründe diesbezüglich sind mir persönlich vollkommen schleierhaft. Heute, nunmehr fast fünfundzwanzig Jahre "danach", sollte man diese bei ihrem Erscheinen so umstrittene Aufnahme mit gerechten Ohren würdigen können, insofern man es nicht schon damals tat. Die Interpretation Bernsteins ist extrem und in ihrer Rauschhaftigkeit gewiß nicht jedermanns "cup of tea". Jedoch: Wer den Dichter will verstehn, muß in Dichters Lande gehen, und nicht umgekehrt. Wie sehr schimpfte man damals über Hofmanns Tristan. Warum eigentlich? Der dritte Akt ist ungemein expressiv gesungen, und ich kenne keinen anderen Tristan, der ihm ausdrucksmäßig das Wasser reichen könnte. Speziell die leisen Passagen besitzen eine herzzerreißende Intensität. Mögen dramatischere Stimmen das Stück "stämmiger" und "robuster" gesungen haben - solln sie! Die Kunst eines Sängers zeigt sich nun einmal am schönsten in der Interpretation, nicht im schieren Stimm-Material. Und was Hildegard Behrens betrifft, so ist sie meines Erachtens die beste Isolde überhaupt. Sicher: Es gab Flagstadt, sicher: es gab Nilsson... Flagstad und Nilsson singen Isolde, aber Behrens IST Isolde. Und rein vokal brauchen sich die wundervollen, sterntalerähnlichen hohen Tönen der Oldenburgerin nicht hinter den beiden Skandinavierinnen zu verstecken. Wer das Glück hatte, Behrens je live erleben zu dürfen, weiß, von welchen Tönen ich spreche!... Wenn Behrens Isolde zum Leben erweckt, ist Novalis nahe, nein, er ist DA. Wagner hätte Behrens gemocht, nicht Nilsson. Wer Ohren hat zu hören, der höre!