Um es gleich vor weg zu sagen, dieser Tristan ist sicherlich nicht perfekt, aber geht eben den richtigen Weg. Meiner Meinung nach ist es Chereau hier gelungen dieses Meisterwerk neu zu inszenieren ohne dabei so zu scheitern, wie es unsere gesamte Opernwelt zur Zeit tut.
Das Bühnenbild überrascht mit seiner somnambulen Schönheit. Eine Mauer ist das Bühnenleitmotiv der Inszenierung, eine Mauer, in deren Mitte ein hausförmiger Durchgang ist, welche eine Art Barriere darstellt, die es zu überwinden gilt. Vielleicht ein Tor zum Jenseits?
Das Bühnenbild gelingt! Es übermittelt den Eindruck des Absoluten : Das Spiel vor der Todesmauer. Eine Metapher, die es schafft der Musik gerecht zu werden. Sowohl im Sinne der Atmosphäre (der Regisseur drängt sich nicht auf, er unterstützt), als auch als Motor für Wagners der Erlösung zu steuernden Musik.
Die Beleuchtung ist wohl eines der wirklich großen Verdienste dieser Aufführung. Sie ist auf die Musik abgestimmt. So im ersten Akt dunkel. Schwarze, dunkelblaue, violette Töne, die am Ende durch das helle saftige rot von Isoldes Königsmantel visuell durchbrochen werden.
im zweiten Akt herrscht erst Nacht und der Wandel zum Tag verläuft konsequent und stimmig. Die Farben sind heller, den die Liebesnacht unterscheidet sich ja vom dunklen ersten Akt. Und Chereau begreift das.
Es sind auch italienische Zypressen zu sehen, die zwischen den hohen Mauern grüne Akzente setzen. Ein Bild, dass an die Caracalla-Thermen erinnert. Ein kleiner Augenzwink an Italien, dem Land der Aufführung.
Im dritten Akt ist die Beleuchtung grau und fahl. Die Mauern dienen nun als Burg Kareol.
Chereaus große Leistung war ja schon im Jahrhundert.Ring die Personenregie. Hier ist sie es auch. Der erste Akt gelingt hier überwältigend. Die letzten 10 Minuten habe ich noch nie so spannend dringlich inszeniert gesehen. Wie sich Isolde und Tristan fragen anschauen bis sie das Wunder des Tranks begreifen und dann schließlich über einander herfallen und nur schwer von den Statisten getrennt werden können. Das alles ist große Regie. Man kann mehr als gut nachvollziehen, dass diese beiden Menschen sich wieder sehen müssen!
Im zweiten Akt allerdings, brilliert nur Waltraud Meier als Isolde. Die Mimik dieser Sängerin ist das schönste, welches ich von einer Opernsängerin gesehn habe. Sie leidet, freut sich oder wundert sich. Ist passioniert und das Wichtigste : Sie versteht die Partitur! Ihr schönes Wesen, einer Isolde würdig, verschmilzt mit der Rolle und man beginnt sie zu lieben! Stimmlich rutiniert und klangschön, dabei niemals erschöpft agierend. EIne überragende Schauspilerin, wie sie es schon häufig bewiesen hat!
Ganz anders der Tristan von Ian Storey. er ist stimmlich eher schwach und schauspielerisch träge. Es wirkt dadurch unfreiwillig unglaubwürdig, wenn die schöne hingebungsvoll überzeugende Waltraud Meier diesen unattraktiven, schnaubenden Tristan liebt, dem oft die Puste ausgeht. er wirkt starr, wie ein Opernsänger vergangener Zeiten. ganz anders als der Kurwenal von Gerd Grochowski, der einen warmen ordentlichen baritonalen Gesang abliefert und sich schauspielerisch passend einbringt. und auch zu erwähnen die Brangäne von Michelle de Young. Stimmlich nicht erstklassig, aber gut und vor allem im Spiel überzeugend. Selbes kann man von Matti Salminen behaupten, welche den König Marke mimt.
Der Liebestot ist ein Highlight der Inszenierung. Chereau hat sich etwas neues, sehr passendes dazu überlegt. Ich will hier nicht verraten.
Warum ich trotz einzelner Kritik 5 Sterne geben ist einfach zu begründen : Die Inszenierung ragt heraus. Denn perfekt war eine solche noch nie. Mögen Windgassen und Nilsson diese Partien besser gesungen haben, aber darstellerisch hat es zumindest Letztere überhaupt nicht. Und so gilt es immer Abstriche zu machen und bedenkt man die riesige Anzahl schlechter Tristandeutungen, die eigentlich schon eine Beleidigung für jeden Wagnerliebhaber sein müssten, ist diese endlich eine gelungene. Allein wegen der Regie von Patrice Chereau, dem Bühnenbild von Richard Peduzzi und der Isolde der Waltraud Meier lohnt und gibt diese Interpretation.
Das Bild der DVD ist gestochen scharf und das muss sie sein, um zu wirken. Der Ton klar.
Bleibt noch das Dirigat von Daniel Barenboim zu loben, der hier sein bestes gibt und dabei warme breite Klangteppiche erzeugt. Vielleicht hält er sich im zweiten Akt und im Liebestod ein bisschen zu sehr zurück, doch die Profitierenden sind dabei die Sänger . Barenboim zeigt, dass er ein Opernprofi ist und das Orchester der Scala zeigt, dass sie Italiener sind. Oft scheint hier das Italienische durch, was aber wiederum nicht stört sonder teilweise belebt. Genannt sei hier der dritte Akt und seine Jubelmusik, wenn Kurwenal sieht, dass Tristan erwacht.
Um das ganze zu beschließen : Eine Investition von Zeit und Geld, die sich doch über alle Maßen lohnt!