Wagneropern gehören leider zu denen, welche meistens bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. Meistens passt dann der Text nicht mehr zu Bühnenbild und Kostümen. Diese Baden-Badener Inszenierung gehört zu den modernen Inszenierungen, welche das Werk an sich unangetastet lassen. Bühnenbild und Kostüme sind gewöhnungsbedürftig, die Gralsburg stelle ich mir allerdings anders vor, und Thomas Hampson muss den Gralskönig Amfortas in einem Kostüm verkörpern, welches an eine ägyptische Mumie erinnert. Aber die Inszenierung ist spannend, straff, mit viel Bewegung. Diese hat hier Amfortas zu leisten. Im Gegensatz zu anderen Aufführungen ist er hier nicht der schmerzgepeinigte, von Reue zerfleischte passive König, welcher sich weigert, den Gral zu enthüllen, weil dadurch seine Wunde wieder aufbricht. Thomas Hampson wird hier von der Regie gequält: auf der Flucht vor seinen Rittern muss der unglückliche König eine gewölbte Wand hinaufrennen, auf welcher er natürlich ausrutscht und muss die Wand hinunterrutschen und sich an einem Stuhl festkrallen. So muss er aushalten, bis er wieder dran ist. Trotzdem, die Inszenierung hat was (bis auf Klingsors Zaubergarten, die Blumenmädchen haben Kaffeewärmern ähnliche Kostüme an, man kann sich nicht vorstellen, dass sie irgendeinen Mann verführen können), und das liegt nicht zuletzt an der hochkarätigen Besetzung.
Thomas Hampson verleiht Amfortas mit seiner geschmeidigen warmen Stimme und seiner Schauspielkunst eine völlig neue Ausstrahlung. Verstärkt wird das dadurch, dass Amfortas hier zur zentralen Figur wird. Er ist es, welcher Wohl und Wehe seiner Ritter bestimmt.Berührend, wie er sie um seinen Tod anfleht, wie er glaubhaft seinen Schmerz und seine Trauer um den durch seine Schuld gestorbenen Vater (Titurel) darstellt. Und besonders beeindruckt mich seine Darstellung des durch die Schmerzen an den Rand des Wahnsinns getriebenen Königs, welcher vor seinen Rittern flieht, um nicht den Gral enthüllen zu müssen und der Ausdruck unbeschreiblicher Seligkeit, als er endlich durch Parsifal erlöst wird und entsühnt sterben darf. Ein Amfortas, den man nicht allzuoft sieht.
Wunderbar auch Matti Salminen als Gurnemanz, welcher alle Hände voll zu tun hat, um die Pagen im Griff zu haben.
Waltraud Meier ist eine solide Kundry. In dieser Inszenierung wird eine Verbindung zwischen Amfortas und ihr angedeutet, welche beiden nicht bewusst ist. Beiden Sängern gelingt es, den Zuschauer diese Verbindung ahnen zu lassen. Sehr gute Personenführung! Christopher Ventris als Parsifal singt und spielt den "reinen Tor" absolut glaubwürdig.
Nur Titurel - der Sänger muss in einem Grab sitzen und trägt ein Kostüm mit Totenschädel und Knochenhänden, welches ihn zum Zombie macht. Diese Figur ist eh schwer zu deuten (Im Grabe leb ich durch des Heilands Huld...), so wie sie hier dargestellt wird, erleichtert es das Verständnis kaum.
Ansonsten ist die DVD von sehr guter Bild- und Tonqualität. Es gibt ein Booklet und als Bonus den "Parsifal-Progress", in welchem Regiesseur,Dirigent, Sänger über diese Inszenierung sprechen.
Ich kann sie nur empfehlen, schon deshalb, weil man wirklich jedes Wort versteht!