Ein singendes Klassenzimmer? Lohengrin als cooler Typ" im Trenchcoat, das Volk von Brabant als Schulklasse, Elsa als Außenseiterin im Klassenverband? Peter Konwitschny schockierte 1998 die Besucher der Hamburger Staatsoper mit seiner Sichtweise auf Wagners traurigste Oper »Lohengrin«. Manche taten es als mehr oder weniger originelle Blüte des Regietheaters ab, aber an den Haaren sind Konwitschnys Gedanken nicht herbeigezogen. Zugegeben, wenn sich der Vorhang hebt, beschleicht einen der Verdacht, hier habe einer zu tief in sein Glas Feuerzangenbowle geguckt. Die Gedanken haben aber durchaus Tiefgang. Seine ungestüme Brabanter Schülerjugend ist Lichtjahre von den entrückten Sagen- und Märchenbildern verklärter Ritterwelten entfernt unserer Welt nahegekommen. Wenn die Pennäler Heil dem König" rufen, dann hat das auch keinen faden Nachgeschmack von Führerkult und Verführung, sondern es zeigt unschuldige Schwärmerei von Schulkindern und deren Hunger auf Leben, auf Aufbruch, kindliches Gemeinschaftserlebnis. Wenn am Ende Gottfried, der verschollengeglaubte Bruder Elsa nach dem Abschied Lohengrins zurückkehrt, lässt Konwitschny die Schüler - und mit ihnen die Zuschauer - aus ihrem Traum erwachen: Gottfried trägt Stahlhelm und ein Maschinengewehr. Es ist der ergreifende Moment der völligen Desillusionierung. Härter könnte der Gegensatz kaum sein. Überhaupt bilden die Sehnsüchte der Jugend, ihre Begeisterungsfähigkeit, die Hürden der Pubertät und das schwierige Erwachsenenwerden zentrale Motive von Konwitschnys Inszenierung, die nun in einer sehr guten Aufzeichnung aus dem Liceu in Barcelona, das neben der Hamburger Staatsoper Coproduzent war, als DVD bei EuroArts vorliegt. Ebendiese geschilderten Motive waren auch vielfach bei den Revolutionären von 1848/49 auszumachen; Wagner hatte bei ihnen mitgemischt und musste mit dem unfertigen Lohengrinmanuskript aus Dresden nach Zürich fliehen. Viel davon hat Eingang in den Lohengrin gefunden. Über Konwitschnys Sicht kann man trefflich streiten. Aber mit einem einfachen Handrückenstrich ist die Inszenierung auch nicht abzutun. Das Bühnenbild und die Kostüme von Helmut Brade sind konventionell und durchaus fürs Auge gemacht. Die musikalische Leitung von Sebastian Weigle bietet was fürs Ohr. Eine bemerkenswerte Aufführung.