Es existiert also doch: das unheimliche Geisterschiff mit den blutroten Segeln - zumindest in der dieser DVD zugrunde liegenden Fassung. Während ein Großteil neuerer Aufführungen sich mit Andeutungen des Schiffes und/oder mit symbolischen Deutungen desselben (z. B. die sturmzerfetzten Segel als überdimensionale Vulva in Harry Kupfers Bayreuther Inszenierung aus dem Jahr 1978 - ebenfalls auf DVD erschienen) begnügt, wird es in dieser filmischen Umsetzung des "Holländer" von Vaclav Kaslik als durchaus spukhafte Erscheinung dargestellt, wenn es mit seinen leuchtend-roten Segeln plötzlich aus Nebelschwaden auftaucht. Die Aufnahmen dieser Produktion wurden im Studio gedreht, die Szenen mit den Schiffen in eigens präparierten Bassins. Die Szenen in den Innenräumen wie der Spinnstube ähneln noch am ehesten denen einer Bühnenaufführung, während man sich bei den Schiffsszenen schon beinahe an Filme wie "Moby Dick" u. ä. erinnert fühlen kann, insbesondere wenn ganze Wogen von Wasser auf die Decks klatschen.
Insgesamt fußt diese Verfilmung vor allem auf dem ursprünglichen Kern dieser in der Tradition der Schauerromantik stehenden Seemannssage, worauf auch die Einblendung des entsprechenden Textes von Heinrich Heine aus dessen "Memoiren des Herrn von Schnabelewopski" während der mit stimmungsvollen Bildern unterlegten Ouvertüre hinweist. Die milieugetreue Gestaltung der Schiffe, der Innenräume wie auch der Kostüme ergibt ein stimmiges Bild. Sieht man die Besatzung an Deck und in der Takelage die Segel setzen, bereitet es doch gleich eine umso größere Freude, den Chor der Seeleute zu hören ("Mit Gewitter und Sturm..."). Ebensolches gilt für die Lieder der Frauen beim Anblick der rotierenden Spinnräder mit der Wolle auf den Rocken und bei den Vorbereitungen zur Willkommensfeier für die heimgekehrten Gatten. Gerade in diesen Szenen wie auch in den Tanzszenen der Seeleute zu Beginn des dritten Aktes ("Steuermann, lass die Wacht...") gelangt der volkstümliche Charakter dieses Wagner'schen Frühwerkes besonders gut zur Geltung.
In der hier vorliegenden Aufnahme wird der "Fliegende Holländer" einfach als romantische Oper inszeniert, wie er ursprünglich mal gedacht war, als dramaturgische Umsetzung der dem Stoff zugrunde liegenden Sage mit Schauerelementen wie den hier drastisch gestalteten Auftritt der Mannschaft des Holländers als einen von Untoten. Kaslik greift in seiner Inszenierung auf die ursprüngliche, etwas kürzere Dresdner Fassung des "Fliegenden Holländer" zurück, in der die Erlösungsthematik - zumindest musikalisch - noch nicht so stark im Vordergrund steht, wie in den später neukomponierten Teilen der Ouvertüre und des Finales.
Die sängerischen wie auch darstellerischen Leistungen des Ensembles sind durchweg herausragend. Die schwedische Sopranistin Catarina Ligendza (*1937; eine renommierte Wagnerinterpretin) ist eine großartige, romantisch-träumerische Senta mit kraftvoller und zugleich doch immer klarer Stimmführung. Donald McIntyre, der Wotan des "Jahrhundert-Rings" von Boulez/Chéreau, überzeugt sowohl stimmlich wie auch seiner Erscheinung nach als dämonischer, unheimlicher Holländer. Auch Hermann Winkler als eindringlicher, selbstbewusster, keineswegs schwächlicher Erik und Bengt Rundgren als leutseliger und zugleich standesbewusster, auf seinen materiellen Vorteil bedachter Daland überzeugen mit überdurchschnittlichen Leistungen. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch bietet ebenfalls einen musikalisch mitreißenden "Holländer".
Fazit: Diese packende, kurzweilige Inszenierung des "Fliegenden Holländer", die sich wenn auch mit filmischen Mitteln strikt an Wagners Konzeption des Werkes orientiert, wird auch bei mehrmaligem Ansehen und Anhören ein Erlebnis bleiben.