Barenboims Dirigat atmet eindeutig Knappertsbusch-Geist, entwickelt diesen aber sogar noch in feurigere Richtung weiter. Kontraste mit einer geradezu spirituellen Spannweite verleihen seiner spürbar mitleidsvoll-wissenden Umsetzung von Wagners brillantem Weltabschiedswerk eine geheimnisvolle, feierliche Ausdruckstiefe. Genauso soll's sein! Was die orchestrale Interpretation angeht, müssten im künstlerischen Sinne eigentlich fünf Sterne verliehen werden: Atmosphäre und Feuer an den richtigen Stellen, keine künstlich sezierenden, Selbstverwirklichungsversuche des Dirigenten widerspiegelnden und daher unnötigen Neuinterpretationen respektive Überbetonungen bisher unentdeckter Ausdruck-Details... Durchweg erfreulich auch das angenehm gedehnte, doch niemals langweilig schleppende Zeitmaß: Zum Raum wird hier die Zeit - in der Tat!
Die Sangesleistungen halten weitgehend mit, absolut bravourös glänzt aber nur Waltraud Meiers sensible Hochleistungs-Kundry, die - vor allem im zweiten Aufzug - sicherlich ihresgleichen sucht. Siegfried Jerusalems Parsifal bietet immerhin überdurchschnittliche Qualität, José van Dams Amfortas und Matthias Hölles Gurnemanz gleichwohl beste Hausmannskost. Weniger gefiel die Wahl des Günter von Kannen als Klingsor - seine glockenklare Stimme wirkt in dieser Rolle einfach zu hell und jugendlich (ihr fehlt schlichtweg das boshafte Donnern eines Hermann Uhdes oder Gustav Neidlingers). Doch sind Klingsors Passagen ohnehin nur von kurzer Dauer... Deswegen wurde hierfür der fünfte Stern also nicht vollständig abgezogen, allenfalls ein Bruchteil.
Das eigentliche Problem dieser Einspielung liegt nämlich in jenen live so beeindruckenden Kontrasten und der daraus resultierenden digitalen Abmischung der Aufnahme begründet: Die extrem lauten Momente gelten hierbei freilich als Maß aller Dinge, was für die langen leisen Passagen zur Folge hat, dass sie kaum noch hörbar sind - zumindest bei üblicher Verstärker-Einstellung. Um normale Zimmerlautstärke der leisen Abschnitte zu erreichen, muss man einen Verstärker mit der Lautstärke-Regelungsskala von 1 bis 10 bei dieser Einspielung durchaus auf 8 stellen; bei anderen Parsifal-Aufnahmen genügt in der Regel 5 oder 6. Da die Sänger zu allem Übel auch noch sehr fern klingen, sind ihre Stimmen im Zuge einer leiseren Einstellung kaum noch hörbar respektive verständlich. Dass ältere Verstärker bei derartiger Beanspruchung mit heftigem Rauschen auf die Hörer-Nerven fallen, dürfte einigermaßen nachvollziehbar sein. Der Discman-Test bestätigt letztlich glasklar, dass die Aufnahme insgesamt eigentlich viel zu leise geraten ist: Bei voll (!) aufgedrehter Lautstärke sind die auf Normal-Niveau angesiedelten Passagen gerade noch hörbar...
Fazit: Man benötigt unabdingbar einen sehr, sehr guten und leistungsstarken Verstärker, um diesen mit kleinen Abstrichen herrlichen Neuzeit-Parsifal wirklich rundum genießen zu können. Schade, dass das Tonstudio keine bessere Lösung fand.