Herrje - was will uns der Regisseur denn damit schon wieder sagen! Drei haarlose Damen hüllen sich als Nornen in ein fallschirmgroßes Tuch - wer darin einen Sinn erkennt, der möge ihn mir bitte gerne zeigen!
"Inszenatorisch" ist diese Aufführung meiner Meinung nach schlichtweg - nun ja - belanglos - Was sagt uns denn das komische Herumgezappel der Gibichsmannen in III,2, was sagt uns das krampfartige sich Hin-und-Her-Winden von Herrn Rydl in I,2, und dann die Nornen und der Fallschirm...??? Mir sagt das alles nichts... Nachvollziehbare und daher akzeptable Aktionen (z. B.: Gunther nimmt sich sein Glas vom Tablett) werden leider viel zu oft abgelöst von befremdenden und daher merkwürdigen bis abstoßenden Handlungen (drei kahlköpfige Nornen spielen mit dem Fallschirm!). Ich war permanent bemüht, nach einem Sinn zu fahnden, wo ich partout keinen gefunden habe - auf die Dauer wird diese Götterdämmerung zum puren Ärgernis! Wie heißt es so schön: Den Sinn, den kennt nun keiner... Der soll dir, Zuschauerin, auf immer wohl verhohlen sein!
Nun ja, wer mehr Fantasie hat als ich, kann hier vielleicht voller Freude seiner Interpretationslust ihren Lauf lassen - dem sei sein Vergnügen natürlich gegönnt... Ich bleibe aber lieber beim Kupfer-Ring und bei der Weimar-Götterdämmerung!
Über Kostüme kann man sich streiten (wenn auch Frau Bundschuh in ihrer weißen Uniform zweifelsohne sehr fesch aussieht) - doch warum hat Herr Rydl obenrum nichts zum Anziehen? Er hat ja Muskeln, doch ästhetisch ist es nicht.
Apropos Aussehen der Sänger: Es mag ja bei allen altehrwürdigen Intellektuellen verpönt sein, Sänger (auch) nach dem Aussehen zu beurteilen, das man ihnen für die jeweilige Aufführung verpasst hat, doch zumindest die Schicht der Jungwagnerianer(innen) besinnt sich auch der optischen Ebene des Gesamtkunstwerks. In diesem Sinne ist die obige Götterdämmerung eine wahre Kuriosität: Siegfried gemahnt mich merkwürdigerweise an eine greise Frau aus der Mandschurei - man beachte den typischen Zopf der Qing-Dynastie! (wobei mir der tiefere Sinn einer Assoziation Siegfried - Mandschuren verhohlen bleibt) - und warum muss denn der Hagen-Darsteller immer, immer mit geschorenem Schädel agieren? So viel ich weiß, gibt es kein Wagner'sches Grundgesetz dafür... Aber vielleicht liegt hier ja irgendein tieferer Sinn vor, der auch erklärt, was denn diese drei haarlosen Nornen sollen...
Sängerisch ist diese Aufführung zwar keine, die ganz große Maßstäbe setzen kann; es werden zwar immer wieder von diversen Akteuren massenhaft Endsilben verschliffen (z. B. Herr Rydl), aber die unkonventionelle Betonung eröffnet zuweilen ganz neue Interpretationsansichten; zuweilen klingt es einfach merkwürdig.
Ein paar schöne Aspekte fallen mir zum Ende doch noch ein: Herr Schöne als Gunther gefiel mir total, er strahlte stets eine leicht hilflos-versnobte Aura aus - so muss ein Gibichungenkönig sein, der sich so ziemlich alles vom Halbbruder vorschreiben lässt...
Und natürlich war die schauspielerische Leistung von Kurt Rydl durchaus beeindruckend - seine halb-irren Blicke hatten absoluten Gänsehauteffekt! Die Rollenzeichnung war zwar nicht "mein Ding", aber er gab alles auf der Bühne, darum: Chapeau!
Fazit: Wer's gern kafkaesk-bizarr mag, der kann hier herrlich nach Sinn und Aussag' suchen...
Und wer sie dann gefunden hat, soll sie mir sagen, ich bitte drum! (Vor allem dieses große wallende rote Tuch lässt mich nicht mehr los...)