Eines kurz vorweg: Ich kann mich anderen Rezensenten nur anschließen, die die Meinung vertreten, es gäbe keinen perfekten Ring. Es gibt einfach zu viele Variablen. Auch der Böhm-Ring (66/67) hat unbestreitbar seine Schwächen, auch er ist nicht perfekt, aber nachdem ich mich mittlerweile mit einer ganzen Reihe anderer Gesamtaufnahmen des Rings (Furtwängler '50, Krauss, Keilberth '55, Solti, Boulez, Levine, Janowski, Barenboim, Haitink, Neuhold. Es fehlen mir noch Karajan, Sawallisch etc.) auseinandergesetzt habe, kann ich sagen, dass mir Böhm (zumindest momentan und bis jetzt) am besten gefällt!
Meine Kritikpunkte vielleicht gleich vorweg: Da wäre zum einen die zweifelsohne ärgerliche Tatsache, dass die Souffleuse in ruhigen Passagen recht häufig zu hören ist, was vor allem beim ersten Hören und besonders für Ring-Neulinge wohl etwas irritierend wirkt. Mir ist schleierhaft, wie dieser Lapsus passieren konnte, denn es gibt aus dem selben Jahr (1966) an selber Stelle (Bayreuth) unter dem selben Dirigenten (Böhm) einen in dieser Hinsicht einwandfreien, sehr populären Mitschnitt von "Tristan und Isolde". Merkwürdig!
Mit dem unvermeidlichen (ja, das ist eine Übertreibung!) Wolfgang Windgassen als Siegfried hab ich immer schon ein bisschen Probleme gehabt. Er ist mit Sicherheit ein guter Sänger gewesen der immer viel Herzblut in seine Rollen gelegt hat und es gibt Aufnahmen, in denen er mir gut gefällt (z.B. die Fidelio-Aufnahme von Furtwängler, Euryanthe-Mitschnitt von Leitner), aber sein Timbre und die stets etwas weinerliche Stimme konnten mich nie sonderlich begeistern, wenn es um seinen Siegfried ging. Ich bin daher immer etwas verwundert, wie hoch sein Siegfried gepriesen wird. In dieser Aufnahme war Windgassen zudem nicht mehr der jüngste und das lässt den "Siegfried" innerhalb des Rings hier ein wenig abfallen. Erschwerend kommt hinzu, dass Windgassen hier nicht nur den Siegfried gibt, sondern im Rheingold auch noch als Loge auftritt. Er ist beileibe nicht schlecht, aber es gibt sicher bessere Loges!
Das wären meine Hauptkritikpunkte, nun aber zu den Gründen für meine 5 Sterne:
Da wäre zuächst das Dirigat Böhms. Er wird ja manchmal als "fleissiger Handwerker" etwas diffamiert, dem das Genie eines Furtwänglers oder Karajans fehlte. Zu unrecht. Zwar arbeitet Böhm die Feinheiten der Partitur nicht so heraus wie andere und an manchen Stellen ist mir sein sehr flottes Tempo etwas zu schnell (Rheingold-Vorspiel beispielsweise), aber gerade diese zügigen Tempi sowie die Bayreuther Live-Atmosphäre entwickeln einen dramatischen Sog, der mir so in keiner anderen Aufnahme begegnet ist. Und im Gegensatz zu Solti überfährt er die Sänger nicht mit einer Klangwalze. Große Teile des Sänger-Ensembles stimmen ja mit dem von Solti überein, aber hier wirkt das Ganze viel natürlicher und weniger brachial, die Sänger haben mehr Luft zum atmen.
Jemand meinte in einer Rezension mal, Böhms Todesmarsch in der Götterdämmerung sei es etwas trocken. Das kann man durchaus so sehen, aber dafür ist das wenig später folgende Instrumental-Finale mit dem Erlösungsmotiv von atemberaubender Schönheit, das hat kein anderer so hingekriegt!!!
Das Orchester: Die Bayreuther spielen mit schwer zu überbietender Leidenschaft, fantastisch! Hier wird das Musikdrama gelebt!
Zu den Sängern:
Alberich ist eine meiner absoluten Lieblingsfiguren aus dem Ring und darum fange ich hier mal mit ihm an: Der Jahrhundert-Alberich von Gustav Neidlinger (dem meiner persönlichen Einschätzung nach nur Oleg Bryjak unter Neuhold das Wasser reichen kann, ja richtig gelesen, Bryjak, Neuhold!) ist ja in einer ganzen Reihe von Aufnahmen zu hören (Keilberth, Krauss, Knappertsbusch, Solti) und es ist jedesmal und immer wieder ein Genuss. Dies ist seine letzte Ring-Aufnahme und hier gefällt er mir eigentlich am besten. Seine Stimme hat vielleicht nicht mehr ganz die Gewalt aus den 50gern, dafür gestaltet Neidlinger die Rolle hier differenzierter als in den frühen Aufnahmen. Die Kombination von Live-Atmo und Stereo-Sound macht das ganze noch beeindruckender. Was ist köstlicher als sein "... das hörte der Dieb jetzt gern!", was fieser als "... lüstern lechz ich nach euch!", was schauriger als "... sterb er lechzend dahin ..." ???
Der zweite ganz dicke Pluspunkt ist für mich James Kings Siegmund. Der beste Siegmund, den ich bislang auf CD gehört habe. Was für Wälse-Rufe, "vereint sind Liebe und Lenz!" - grandios! Ramon Vinay und Jon Vickers haben vielleicht ähnlich viel Feuer, aber nur King kommt mit der deutschen Sprache einwandfrei zu recht. Vor allem bei Vinay stört nicht nur der Akzent (das wäre für mich noch akzeptabel), sondern er schludert einfach mit dem Text! (Deshalb kann ich mich auch nicht restlos für die so viel gerühmte Keilberth-Walküre von '55 begeistern) Und sowohl Vinay als auch Vickers klingen manchmal etwas grob, nicht so James King. Die "Walküre" (besonders der erste Akt und die Todesverkündung) wird dank ihm zu einem mitreissendem Erlebnis. Leonie Rysanek als Sieglinde ist ebenfalls große Klasse, wenn auch nicht ganz so over-the-top wie King. Gabriele Maria Ronge im Neuhold-Ring bleibt da vor allem wegen ihrer jugendlicheren Stimme meine Favoritin.
Theo Adam als Wotan stand ja immer im Schatten von Hans Hotter und es gibt viele, die seine Stimme nicht besonders mögen, speziell als Wotan. Zugegeben, seine Gesangtechnik ist nicht immer ideal und elegant, die mächtige Stimme eines Hotters hat Adam auch nicht, aber er singt im Gegensatz zu Hotter sehr textverständlich und schafft ein (fast) gleichberechtigtes, intelligentes Rollenporträt mit vielen starken Augenblicken (vor allem die Szene im Rheingold, in der Wotan den Ring nicht hergeben will, hat mich schwer beeindruckt, da steckt wirklich Energie drin! Auch in der Walküre hat er jede Menge geniale Momente, im Siegfried ist er leider schwächer). Adam ist mit Sicherheit nicht der stimmschönste Wotan, aber von der Gestaltung der Rolle ist er fast jedem anderen Wotan-Interpreten (weit) überlegen, davon kann z.B. James Morris bei Levine nur träumen!
Martti Talvela schafft es wie kein anderer, beim Zuhörer Sympathien für seinen Riesen Fasolt zu wecken. Es bricht einem fast das Herz! Kurt Böhme überzeugt auf voller Linie als Fafner. Der Kampf mit Siegfried ist der gruseligste, den ich bislang gehört habe.
Birgit "Steelson" als Brünnhilde. Ja, ihre Stimme ist schon irgendwie der Wahnsinn und es ist nicht grundlos, dass ihre Interpretation der Rolle so berühmt wurde, sie hat enorm viel Power. Aber manchmal würde ich mir eine etwas menschlichere, wärmere Brünni wünschen ... aber im Ganzen natürlich sehr gut!
Erwin Wohlfahrt als Mime ist gut, manchmal ein bisschen überdreht ("Fafner, Fafner!"). Markwort, Zednik, Kuehn & Stolze finde ich da besser.
Josef Greindl singt den Hagen und er macht das auf seine alten Tage immer noch beeindruckend ("Zu seinem Verderben dient er mir schon ..." geht einem durch Mark und Bein!). Thomas Stewart ist ein spitzenmäßiger Gunther, Ludmila Dvorakova ist eher eine durchschnittliche Gutrune.
Annelies Burmeister singt eine überzeugende Fricka.
Anja Silja begeistert als Freia und 3.Norn.
Bleibt als Schlusspunkt noch die Waltraute von Martha Mödl: der Hammer! So dramatisch wie hier gibt es die Szene Brünnhilde/Waltraute nirgendwo anders, bei einigen ist sie meistens ja sogar ziemlich zäh ...
Bevor ich nun zum Schluss komme, nochmal kurz ein paar Worte zum Sound: Wenn diese Sache mit der Souffleuse nicht wäre, dann wäre er wirklilch spitze, aber auch so bin ich sehr zufrieden mit diesem ehemals ersten Stereo-Live-Ring (jetzt gibt es ja den Testament-Ring unter Keilberth von 1955, auch in Stereo). Der Sound ist satt, mitreissend und sehr gut ausbalanciert.
Abschließend bleibt zu sagen, dass man sicherlich hier und da was an diesem Ring aussetzen kann, aber als Gesamtwerk kenne ich bislang keine andere Aufnahme, die das Weltendrama Wagners so plastisch und lebendig zum Leben erweckt. Für den ersten Gesamt-Ring würde ich Einsteigern allerdings eher zu Neuhold raten. Den gibt es spott-billig, ist trotzdem sehr gut, man hört keine Souffleuse und Neuhold ist nicht ganz so flott unterwegs wie Böhm (trotzdem spannend!), was vielleicht besser ist, um Wagners geniales Werk erst mal kennenzulernen.
P.S.: Der Box ist ein kleines Booklet mit Inhaltsangaben, einem kleinen Essay über Karl Böhm und einigen netten Fotos beigefügt.