Wie so oft im Leben Richard Wagners nahm hier eine im Grunde recht einfache Idee riesenhafte Dimensionen an. Kurz nach der Komposition des "Lohengrin" hatte er die Idee zu einer heroisch - idealistischen Oper über den größten Helden der deutschen Sagenwelt. Das Werk trug den Arbeitstitel "Siegfrieds Tod", war eine stark vereinfachte Version der jetzigen "Götterdämmerung" und sollte den Helden als Wagners Idealbild des von gesellschaftlichen Zwängen freien, unabhängigen Menschen zeigen. Nach der Flucht ins Schweizer Exil erschien dem Komponisten die Handlung nicht tiefgreifend genug ausgeschöpft, er dichtete eine Vorgeschichte und nannte sie "Der junge Siegfried". Auch dies ging Wagner noch nicht weit genug, also vertiefte er sich weiter in die germanischen und nordischen Götter - und Heldensagen, so entstand das Textbuch zu "Die Walküre" und schließlich als Vorabend "Das Rheingold".
1852 stand schließlich der Zyklus als dichterische Einheit fest und Wagner ging (diesmal in der "richtigen" Reihenfolge) an die Komposition. Insgesamt dreißig Jahre schrieb und komponierte Wagner an seinem unbestreitbar größten Werk, legte lange Pausen ein, in denen seine bahnbrechenden Musikdramen "Tristan und Isolde" und "Die Meistersinger von Nürnberg" enstanden und der Komponist musikalisch weiterreifte. 1874 beendete er schließlich mit den letzten Noten zur "Götterdämmerung" die Komposition des Zyklus, zwei Jahre später erklang der "Ring des Nibelungen" (die ersten beiden Teile hatte, ungeachtet der Proteste Wagners, bereits der Bayernkönig Ludwig II. uraufführen lassen) erstmals vollständig bei den neugegründeten Bayreuther Festspielen, von dort aus eroberte die Tetralogie sehr schnell die ganze Welt und stellt bis heute für jede wagnertaugliche Bühne und jeden ambitionierten Regisseur und Dirigenten eine hochwillkommene, da unbegrenzt ausdeutbare Aufgabe dar.
Die gewaltigen Dimensionen dieses Werks stellen nicht nur die Musiktheater vor große Herausforderungen, auch die Aufgabe, den Ring auf Tonträger zu bannen, ist nicht zu verachten. Man benötigt ein riesiges Orchester mit großem Nuancenreichtum, eine ganze Reihe hochklassiger Sänger und steht vor dem Problem, die musikalische Spannung über eine Dauer von mehr als 15 Stunden aufrechtzuerhalten. Natürlich nahmen viele Dirigenten diese Aufgabe an und so kann man heutzutage aus einer Vielzahl von Ring - Einspielungen wählen, von denen jede ihren Reiz besitzt.
Sir Georg Solti nahm sich Ende der 50er Jahre vor, die erste wirkliche Gesamtaufnahme (alle vorherigen Dirigenten hatten der Länge des Werks Tribut zollen und Kürzungen akzeptieren müssen) einzuspielen. Er wählte dazu mit den Wiener Philharmonikern das wohl beste und wandlungsfähigste Orchester der Welt und eine Vielzahl ausgezeichneter und erfahrener Sänger. Über das Ergebnis ist seit jeher viel diskutiert worden, viele halten diesen Ring für die Aufnahme, an der sich alle späteren Einspielungen messen lassen müssen. Dies mag etwas übertrieben sein, doch kann man Soltis Interpretation noch immer mit Einschränkungen als Musteraufnahme sehen. Solti läßt hier seiner Vorliebe für breite Tempi und gewaltige Orchestereruptionen freien Lauf und schafft so den leider oft schlecht kopierten, monumentalen Wagner - Klang, für den der Komponist, der doch zu kammermusikalischer Feinheit fähig war, berühmt und noch mehr berüchtigt ist. Solti läßt es aber nicht nur donnern. Wunderbar geraten ihm die Liebesszenen im ersten Akt der "Walküre", die Beleitung des Wotan - Monologes, Siegfrieds "Waldweben", das den grobschlächtigen Helden zum ersten Mal sympathisch erscheinen läßt und die Gestaltung der mystischen Götterfiguren, vor allem die Auftritte der geheimnisvollen Erda und ihrer Nornen. Weitere Beispiele für Soltis musikalische Feinfühligkeit würden den Rahmen dieser Rezension sprengen, nur muß auch gesagt werden, daß einige Effekte nicht unbedingt nötig gewesen wären. Um möglichst große Theaternähe zu erzielen, wurden einige "Spezialeffekte" verwendet, so eine Donnermaschine (von Wagner verlangt), Stierhörner, die einen unbestreitbar archaischen Klang haben, die Stimme des Drachen Fafner wird mit viel Hall unterlegt. Leider wurden die Sänger auch oft so platziert, daß der Eindruck von Auftritt, Bewegungen auf der "Bühne" und Abgang erzielt werden sollte, was bei dem hohen Lautstärkepegel des Orchesters manchmal zu Verständnisschwierigkeiten führt. Auch die technisch zum Bariton verzerrte Stimme Wolfgang Wingassens in der "Götterdämmerung" klingt für heutige Hörgewohnheiten etwas seltsam und läßt die dramatische Szene ein wenig albern erscheinen. Dies sind aber nur kleine Mängel in einer ansonsten ausgezeichneten Aufnahme, die man noch nach über vierzig Jahren fast uneingeschränkt genießen kann.
Auch bei den Sängern setzte Solti auf bewährte Qualität.
Wotan, oberster Gott und zentrale Figur des Zyklus wurde mit großen Sängern besetzt. Im "Rheingold" leiht ihm George London, lange Zeit Stammgast in Bayreuth und erfahren in der Partie seine Stimme. Er löst seine Aufgabe sehr gut, verleiht mit seiner mächtigen Stimme dem schwierigen Charakter des Wahrers der Verträge, der selbige oft nicht achtet, viel Kontur. Etwas anders sieht es in "Walküre" und "Siegfried" aus. Hans Hotter war über lange Jahre weltweit der "Wotan vom Dienst", kein anderer Sänger konnte in dieser Rolle mehr Erfahrung aufweisen und niemand hatte sie so sehr verinnerlicht. Leider litt Hotter an chronischem Asthma, das seiner Stimme zum Zeitpunkt der Aufnahmen bereits einigen Schaden zugefügt hatte. In der früher mächtigen Stimme macht sich ein starkes Zittern bemerkbar, lange oder hohe Noten werden ihm zur nur schwer bewältigten Aufgabe und auch die Textverständlichkeit ist nicht die Beste. Dafür gelingen ihm immer wieder wunderbare Momente, so in den langen Monologen in der "Walküre" und in der wundervollen Erda - Szene im "Siegfried".
Wotans Gemahlin Fricka wird ebenfalls von zwei Sängerinnen dargestellt. Im "Rheingold" ist die große Kirsten Flagstad zu hören, die, zwar schon mit etwas angejahrter Stimme, die jedoch den berühmten silbernen Klang nicht verloren hat, sich noch einmal als eine der besten Wagner - Sängerinnen präsentiert. In der "Walküre" ist es Christa Ludwig, die einen bleibenden Einduck hinterläßt, nicht nur, weil sie den Götterstreit gewinnt, sondern auch den indisponierten Hotter an die Wand singt. Auch in der "Götterdämmerung" liefert sie mit der bewegenden Darstellung der Waltraute eine ausgezeichnete Vorstellung.
Claire Watson wurde ebenfalls für zwei Rollen engagiert, die hervorragend zu ihr passen. Im "Rheingold" veredelt sie die Rolle der Freia, in der "Götterdämmerung" Gutrune mit ihrer schönen, klaren Stimme.
Die weiteren Götter sind mit Waldemar Kmentt (Froh), Eberhard Wächter (Donner) und dem alten Wagner - Helden Set Svanholm (in der für ihn recht ungewöhnlichen Rolle des schurkischen Loge, die er aber ausgezeichnet darstellt) rollendeckend und hochkarätig besetzt.
Die mysteriöse Figur der Erda wird in dieser Aufnahme ebenfalls von zwei Sängerinnen darsgestellt. Im "Rheingold" ist es Jean Madeira, die diese wundervolle Szene mit ihrem reinen Alt in geheimnisvolles Halbdunkel taucht, kaum schwächer, doch stimmlich etwas weniger beeindruckend schlägt sich Marga Höffgen im "Siegfried".
Als Alberich agiert hier jemand, dem diese Rolle wie keinem Anderen auf den Leib geschrieben schien. Gustav Neidlinger war mit seiner einmaligen Stimme und seinem großen schauspielerischen Talent prädestiniert für den machtgierigen Nibelungen und zeigt hier ein weiteres Mal, warum er als Idealbesetzung für diese Partie galt.
Sein Burder Mime, zuerst der unglückliche Schmied des Ringes und der Tarnkappe, schließlich Siegfrieds widerwilliger Ziehvater, wird von Paul Kuen ("Rheingold"), einem routinierten Darsteller der Rolle und Gerhard Stolze ("Siegfried") gesungen. Stolze schrammt hier des Öfteren haarscharf daran vorbei, den häufig begangenen Fehler zu machen und den unleidlichen Zwerg zur Karikatur werden zu lassen, deklamiert die Partie mehr, als sie zu singen, schafft aber immer wieder den Sprung zurück in die Gesangslinie und liefert so ein insgesamt recht überzeugendes Rollenportrait.
Brillant ist Walter Kreppel in der Rolle des sensiblen Riesen Fasolt. Von diesem Sänger kenne ich leider keine weiteren Aufnahmen, doch diese ausgezeichnete Leistung macht Lust auf mehr.
Ebenfalls ideal besetzt ist sein böser Bruder Fafner mit Kurt Böhme, dessen schwarze, mächtige Stimme sowohl den gierigen Riesen als auch den (leider recht stark verhallten) Drachen vor Augen entstehen läßt.
Eine bessere Besetzung für das Wälsungenpaar ist nur schwer vorstellbar. James King war ein Sänger mit außergewöhnlich mächtiger, jedoch sehr schöner und strahlender Tenorstimme, ein hervorragender Lohengrin und ein noch besserer Siegmund. In dieser Rolle erwarb er sich weltweit Ruhm und den wunderschönen ersten Akt der "Walküre" hört man hier nicht zuletzt dank ihm in einer kaum zu überbietenden Version.
Lesen Sie weiter... ›