Grafiktabletts können eben nicht, wofür fast jedes beworben wird: zeichnen wie von Hand. Beim händischen Zeichnen hinterlässt der Stift die Zeichnung unmittelbar auf dem Papier. Beim Zeichnen auf Grafiktabletts fixiert das Auge die entstehende Zeichnung auf dem Bildschirm, und die Hand lenkt, quasi "unbeaufsichtigt", den Stift. Das ist äußerst gewöhnungsbedürftig, gilt aber wie gesagt grundsätzlich für alle Grafiktabletts.
Es gibt zwei mir bekannte Ausnahmen, die ich aber nicht als Grafiktablett bezeichnen würde, nämlich den Odys Digital Pen und den Smartpen von Lifescribe. Ich habe beide getestet. Der Pen von Odys verfügt über eine an den Zeichenblock, Heft, o.ä. anclipbare Einheit, die mit Ultraschall und Infrarot die Position des (tatsächlich färbenden) Stiftes bestimmt, und in dieser Einheit speichert. Der Pen von Livescribe ermittelt die Position des (auch mit Reserveminen in verschiedenen Farben "schreibenden") Stiftes auf einem mit Mikrostruktur bedruckten Spezialpapier mittels eingebauter Kamera, und speichert diese direkt im Stift. Die beiden Geräte eignen sich hervorragend für kleine Skizzen, oder z.B. handschriftliche Beifügungen zu Dokumenten oder eMails. Der Odys-Pen hat natürlich ein Problem mit der Zeichenfläche, da er ja quasi mit Polarkoordinaten arbeitet, und der Lightscribe-Pen war mir schlicht zu teuer, auch beim Verbrauchsmaterial und Zubehör. Beide haben auch den Nachteil, dass man die Zeichnung, oder was auch immer, erst in den PC einlesen muss, und nicht z.B. beim Schreiben einer Mail direkt zum Stift greifen kann.
Letzteres gilt auch für die simpelste Möglichkeit: Einfach mit Stift normal auf Papier schreiben und das Ergebnis dann einscannen. Das mache ich noch immer bei aufwendigen Grafiken, die man zudem auch noch nachbearbeiten kann.
Zurück zum Grafiktablett: Wenn man nicht sehr geübt ist, oder über entsprechend aufwendige Software verfügt, die die Eingaben glättet, an Raster angleicht, oder z.B. in Bezier-Kurven verwandelt, sieht das Resultat wie eine Kinderzeichnung aus. Der anfängliche Charme hat sich zumindest bei mir rasch erschöpft...
Ich habe Grafiktabletts im Format ca. DIN A4, A5 und A6 in Verwendung. Letzteres entspricht dem Bamboo, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man damit am besten umgehen kann, und die gewünschten Skizzen auch gut auf diesem Format unterbringen kann. Einige dicke Pluspunkte für den Bamboo gibt es von mir auch für:
+) Der Stift benötigt keine Batterie, Akku, oder Ladestation.
+) Da der Stift nicht um eine (schwere) Batterie herum konstruiert wurde, liegt er sehr gut in der Hand. Bei anderen Tabletts ist das oft gewöhnungsbedürftig.
+) Die Technik ist hervorragend, was Auflösung und Druckempfindlichkeit betrifft.
+) Schon mitgeliefert werden nützliche Applikationen. Was sehr oft vorkommen wird: Man will z.B. einen Anfahrtsweg auf einer Landkarte im wahrsten Sinne des Wortes "beschreiben". Ich gehe davon aus, dass ich das mit dem vorhandenen Kartenmaterial (anscheinend eine Google Maps-Anwendung) auch rechtlich darf. Es gibt auch ein Spiel, mit dem man die Koordination zwischen Bildschirmanzeige und Handbewegung üben kann, sozusagen das "Solitaire" für's Tablett :-)
+) Das Tablett integriert sich in die Tablet-Funktionen von z.B. Windows 7, ist also als Mausersatz verwendbar, und nutzt die Tablet-Eingabe von Windows, falls man keinen Touchscreen hat.
Was ich mir wünschen würde, deshalb auch der Stern Abzug:
-) Einen anderen geräteseitigen USB-Stecker. Der ist nicht mini oder mikro, weshalb man unterwegs wohl noch ein Kabel wird mitschleppen müssen.
-) Das Gehäuse so gestaltet, dass man den freien Bereich als Handauflage nutzen kann. Für Rechtshänder befindet sich der nämlich links und vice versa. Dazu bräuchte man eigentlich nichtmal das Gehäuse umzugestalten, eine winzige Softwareänderung würde reichen.
-) Eine einfache Hülle zum Transport. Das hätte ja fast nichts gekostet; soll ich mir sowas jetzt selber zusammennähen? Zu kaufen wird's das ja nicht geben.
-) Vielleicht zu viel verlangt, aber: die Eingabefläche sollte leichter auf die Größe und Position des aktiven Fensters gemappt werden können. Genauer gesagt:
Standardmässig ist die Eingabefläche auf den gesamten Bildschirm gemappt. Das heißt, wenn ich auf dem Tablett die Eingabefläche mit einem großen X durchstreiche, habe ich damit auch meinen gesamten Bildschirm durchgestrichen. Ich verwende einen 1920x1080-Monitor, was dazu führt, dass die Stiftzeichnung ca. 3 mal so groß auf dem Bildschirm bzw. in dort angezeigten Dokumenten erscheint. In dieser Standardeinstellung kann man daher auch nur einen Bruchteil der Zeichenfläche nutzen, und tut sich beim Zeichnen schwer, weil der kleinste Schnitzer vergrößert wird.
Die eigene Unterschrift kann man wohl schon automatisch aus dem Handegelenk leisten, nur halt nicht im Maßstab 1:3, z.B. in einer eMail :-) Von "Zeichnen" kann so nicht die Rede sein, muss man doch auf Briefmarkengröße "herumfuzzeln". Auch die "aspect ratio" ist oft eine andere, als die des Bildschirms: Das Tablett hat ein Eingabeformat von ca. 3:2, mein Monitor hat ca. 16:9, das ist um fast 20% "flacher". Weswegen meine Unterschrift dort auch recht seltsam aussieht.
In der Systemsteuerung unter Windows 7 kann man das alles ändern. Ich würde das unbedingt empfehlen, denn das ist, glaube ich, die Hauptursache, wenn jemand von dem Produkt enttäuscht ist.
Das jedesmal umzustellen, ist allerdings eine Sysiphus-Arbeit. Wünschenswert wäre für mich daher, dass man eine einfache Möglichkeit findet, den Eingabebereich des Tabletts auf dem Bildschirm in Echtgröße einzustellen. Da das ein USB-Gerät ist, wäre das vermutlich über Treibereinstellungsmöglichkeiten im Systemtray nicht so schwer zu realisieren. Beispiel: Klick auf das Treibersymbol, ein rotes Rechteck erscheint, lässt sich per Maus in den gewünschten Bildschirmbereich verschieben, OK, und das war's dann.
KEIN Kritikpunkt ist die grottenschlechte Schrifterkennung, das liegt an meiner grottenschlechten Schrift und/oder Windows 7, und nicht an Bamboo.
Also: Trotz der nur 4 Sterne eine ganz klare Kaufempfehlung von mir!