"Kannst Du drei Akkorde, gründe eine Band" lautete einst ein Motto in der Punkszene. Heavy Metal ist natürlich um einiges hochstehender. Musik der Marke Metallica, Iron Maiden und Blind Guardian wäre von unmusikalischen und unbegabten Sportsfreunden sicher nicht zu verwirklichen.
Allerdings haben sich die Zeiten auch im Heavy Metal geändert. Während dieser Musikstil früher noch etwas für eigenwillige und experimentierfreudige Zeitgenossen war, hat sich mittlerweile hier ebenfalls ein Schema F breitgemacht. Man braucht einen virtuosen Lead-Gitarristen und einen rasend schnellen Schlagzeuger, die musikalisch gut zusammenpassen. Dann benötigt man einen bühnentauglichen Sänger, der zwar nicht singen können muss, aber dafür in der Lage ist, zwei Stunden lang zu brüllen ohne dabei umzukippen. Bassist und Rhythmusgitarrist sind letztendlich nur noch Statisten.
Zumindest was Neugründungen betrifft, gibt es im Heavy Metal nichts wirklich Neues und Originelles mehr. Alles klingt gleich, alles ist schon einmal dagewesen, die Bands unterscheiden sich oft nur noch im Outfit. Es sind die Altrocker und Altmetaller, die dieser Szene noch Würze geben; jedoch der neue Wein, der hier in alte Schläuche gefüllt wird, schmeckt schal und nach Massenware. Hörenswerte Ausnahmen wie In Extremo, die Apokalyptischen Reiter und Subway to Sally bestätigen diese Regel.
Auch beim renommierten Metal-Festival in Wacken ist diese Entwicklung zu spüren. Die Headliner sind hervorragend, wie 2006 z. B. die Scorpions. Ebenfalls zeigen andere Altrocker wie Rose Tattoo oder Motörhead mit Bravour, was sie können. Daneben werden auf dieser DVD viele unbekanntere Formationen wie Amon Amarth, Celtic Frost oder Nevermore vorgestellt, bei denen sich - sorry an die Fans - allerdings immer mehr der Begriff "Einheitsbrei" aufdrängt.
Zusätzlich zu den Live-Clips werden in einer Dokumentation verschiedene Bands in Interviews und Konzertausschnitten gezeigt, die in Wacken 2006 aufgetreten sind. Sie wird von zwei Metal-Hammer-Moderatoren präsentiert, was der ganzen Sache etwas das Informative und Seriöse raubt. Der typische Metal-Hammer-Tonfall von "Kaufen! Kaufen! Alles kaufen!" zieht sich oberflächlich durch diese Dokumentation. Kritische Töne, die durchaus angebracht wären im Hinblick darauf, dass den Metallern schlicht nichts Neues mehr einfällt, sind absolute Mangelware.
Was ich mir gewünscht hätte: Man hätte einen größeren Schwerpunkt auf die Headliner legen sollen. Eine DVD-Box, die zwei DVDs enthält, hätte auf DVD1 einzelne Clips von unbekannteren Bands und auf DVD2 ca. 30-60 Minuten pro Headliner zeigen können. Stattdessen wird auf beiden DVDs ein Flickenteppich aus Clips der einzelnen Bands gebracht, und den unbekannteren Bands wird genauso viel Spielzeit gegeben wie den bekannteren. Weiterhin sollte das Bonusmaterial eine Dokumentation enthalten, die den Namen auch verdient, und nicht den Anschein erweckt, verkappte Werbung für diverse Hard-Rock- und Heavy-Metal-Alben zu sein (besonders krasses Beispiel: die Debüt-LP von Metal Church). Informationen über die Geschichte des Festivals und über das sonstige Unterhaltungsprogramm neben den Metal- und Rockbands (z. B. spielt jedes Jahr die Wackener Blaskapelle) wären interessant gewesen.
Dennoch ist diese DVD für Metal-Fans sehenswert, da in Wacken eben doch die Creme de la Creme des Hard Rock/Heavy Metal auftritt und dieser kleine norddeutsche Ort immer noch eine Nische ist, in der der Kommerz noch nicht ganz gewonnen hat. Auch wenn man besser gegen jenen Kaufen-Kaufen-Tonfall der Metal-Zeitschriften immun sein sollte, das Geld für diese Box lohnt sich.