Lange musste man drauf warten, aber jetzt ist sie da. Endlich gibt's Friedrich Glausers Krimis in der vorbildlichen Edition des Unions-Verlag auch als "Gesammelte Werke"-Kassette... Nichts gegen den Diogenes-Verlag und seinen mehr als gerechtfertigten guten Ruf, aber in Sachen "Friedrich Glauser" ist nun einmal der Unionsverlag die erste Adresse.
Die vorbildlich edierten "Unionsverlag"-Ausgaben orientieren sich nämlich an den Erstausgaben, enthalten die vollständigen Originaltexte inclusive der vielen Textvarianten (letztere im Anhang), kennzeichnen im Anhang auch jene Passagen, die im Verlauf der Editionsgeschichte von fremder Hand geändert oder gestrichen wurden. Sie sind nicht nur vollständig, sondern auch von den Herausgebern hervorragend kommentiert, und in den Nachworten erfährt man Spannendes zu Hintergründen, autobiographischen Bezügen und Editionsgeschichte.
Die Kassette enthält alle sechs (nicht: drei!) Krimi-Romane von Friedrich Glauser: die fünf Romane um den Wachtmeister Studer "Schlumpf Erwin Mord" (auch bekannt als "Wachtmeister Studer"), "Matto regiert", "Die Speiche" (auch: "Krock & Co"), "Die Fieberkurve", "Der Chinese", und den Studer-losen "Tee der drei alten Damen". Nicht enthalten sind leider Glausers Krimi-Erzählungen mit und ohne den Studer; sie sind nach wie vor über das vierbändige "Erzählerische Werk" verstreut.
Friedrich Glauser nennt man den Schweizer Simenon; mit Simenon hat Glauser den Sinn fürs Abgründige gemeinsam und die Fähigkeit, in wenigen Sätzen ganze Welten vor des Lesers Augen erstehen zu lassen, und sein Wachtmeister Studer erinnert ein wenig an Maigret, freilich ohne Simenon zu plagiieren. Studer ist einer, der seiner selbst nicht recht sicher ist, der sich bei jedem Fall erst einmal hineintasten muss in die Atmosphäre.
Der Wachtmeister Studer ist zäh: Kein strahlender Superdetektiv, sondern ein unermüdlicher Wühler, nur scheinbar schwerfällig; einer, der sich so schnell nicht abfertigen lässt. Er weiß, wie er die Leute zu nehmen hat: zögerliche Beamte, entlassene Sträflinge, Patienten in der Nervenheilanstalt, Fremdenlegions-Kommandeure, Armenhäusler -- diesem Ermittler ist nichts Menschliches fremd.
Dabei hat er durchaus Sinn für die Komik, die sich in einer tragischen Situation verbergen kann. Glausers Krimis beziehen ihre Spannung nicht aus wildem Aktionismus, sondern aus dem Kontrast zwischen der meist ländlichen Schweiz der 30er Jahre und der authentischen Schilderung ihrer Bewohner einerseits, und Studers Reflexion andererseits.
Kaum zu übertreffen sind vor allem Glausers hingetupfte Figuren- und Milieuschilderungen. Sie lassen eine Atmosphäre erstehen, in der man Armut, Ausweglosigkeit, Spießigkeit und Korruption förmlich riechen, fast mit Händen greifen kann. Vor allem "Schlumpf Erwin Mord" und "Der Chinese" sind frühe Meilensteine des sozialkritischen Krimis. Glauser kennt all die "Atmosphären", in denen seine Romane spielen, und ihre Bewohner nur zu genau aus eigener Erfahrung.
Zu den einzelnen Romanen:
In "Schlumpf Erwin Mord" wird ein etwas heruntergekommener Handelsvertreter in der Nähe seines Heimatdorfes Gerzenstein erschossen aufgefunden, ausgeraubt hat man ihn anscheinend auch. Einen Tag später greift man den vorbestraften Erwin Schlumpf mit viel Geld auf -- der Fall scheint klar. Und nachdem Schlumpf noch in seiner Zelle einen Selbstmordversuch unternimmt und nur dank Studers Intuition gerettet wird, scheint der Fall noch klarer... für alle, nur nicht für den Wachtmeister Studer, denn der glaubt Schlumpfs Unschuldsbeteuerungen, und er macht sich auf den Weg nach Gerzenstein, aufs Land, und wagt beharrlich den Blick hinter die Fassaden.
"Matto regiert" hat einen höchst ungewöhnlichen Schauplatz -- Studer ermittelt diesmal in einer psychiatrischen Klinik. Eine Umgebung, die Glauser aus leidvoller eigener Erfahrung bestens kannte. Vermutlich hat er mit Bedacht ausdrücklich erklärt, "Matto regiert" sei kein Schlüsselroman.
"Matto", das ist der Name, den ein literarisch begabter Patient dem allgegenwärtigen Wahnsinn gegeben hat. Und Matto ist wahrlich keine abstrakte Größe, sondern nimmt vielerlei konkrete Gestalten an: Ist es der ehrgeizige Assistenzarzt, der bei seinen Therapien eine Sterblichkeitsrate von 5% hinnimmt? Ist es ein verzweifelter Hilfsarbeiter, der aus Armut sein eigenes Kind umbringt? Wie "normal" ist ein leicht seniler Direktor, der aus falscher Loyalität das Leben eines Patienten ruiniert? Und wie steht es mit dem organisierten Wahnsinn, der 1935 im Nachbarland Deutschland immer konkretere Form annimmt? -- Mattos Reich hat seine eigenen Gesetze, denen Studer erst einmal nachspüren muss. Immer wieder stellt sich ihm die Frage, wo Mattos Reich beginnt. Studer wird selbst in die Handlung verstrickt; auch er bleibt nicht ohne Schuld, wenngleich er nicht daran denkt, den ersten Stein zu werfen.
Selten wurden in der deutschsprachigen Literatur derartig subtil die Grenzen und Spielarten des Wahnsinns ausgelotet, die Frage nach der Normalität gestellt.
"Die Speiche" ist ein bedächtiger Krimi, der seine Leser mitnimmt in das Appenzeller Bergland, zu seinen Bewohnern und ihrem harten Leben. Studer hat dort soeben die Hochzeit seiner Tochter gefeiert -- und jetzt steht er vor der Leiche eines Hotelgastes, der auf höchst spektakuläre Weise mit einer angefeilten Fahrradspeiche erstochen wurde. Es gibt jede Menge Verdächtige, viel Ungereimtes, und eigenartige Gäste tauchen plötzlich im Hotel auf. Jeder, ob verdächtig oder nicht, hat etwas zu verbergen, und Studers Menschenkenntnis führt ihn am Ende doch zum Ziel -- aber zuerst muss er geographische und seelische Abgründe ausleuchten. Dieser Krimi wäre sogar spannend, wenn darin nichts geschähe.
In der "Fieberkurve" geht es nicht nur die Aufklärung zweier aktueller und eines lange vergangenen ungeklärten Todesfalles -- es geht auch um Studers unerfüllte Jugendträume (gerade ist er Großvater geworden): Ein Teil der Handlung spielt im Maghreb, bei der Fremdenlegion.
Studer wird ein eigenartiger Geistlicher vorgestellt, dem in einem Fremdenlegion-Posten ein "Hellseherkorporal" zwei Morde prophezeite. Bald lernt noch Studer ein junges Mädchen kennen, das seine väterlichen Gefühle weckt -- auch sie ist in den Fall verwickelt. Er findet heraus, dass es um viel Geld geht -- und darum, dass nicht alle Beteiligten das sind, das sie scheinen.
Trotz der spektakulären Handlungselemente ist "Die Fieberkurve" nicht reißerisch. Im Gegenteil: Studer interessiert sich vor allem für die Geschicke der Beteiligten, hat ein Gespür für die Pechvögel, die das Schicksal geschlagen hat, und er legt eine unglaubliche Empathie an den Tag: "Zuerst und vor allem hatte man sich in die g'spässigen Verhältnisse der Familie Cleman einzuleben. Ja! Einzuleben!", überlegt er einmal, und eine unglaublich dichte, mit verblüffenden Assoziationsketten gespickte Wachtraum-Sequenz mitten im Buch wird sein weiteres Vorgehen bestimmen.
"Der Chinese", Glausers vielleicht ausgefeiltester Krimi, spielt in einer Schweiz, die man in keinem Reiseführer findet: in der Schweiz der Erniedrigten und Beleidigten. Studer ermittelt in einem Provinznest, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Jetzt aber gibt es drei markante Orte im Dorf oder, wie es Studer nennt, "drei Atmosphären": Dorfwirtschaft, Gartenbauschule und Armenanstalt. Über alledem liegt ein dichtes, schier undurchdringliches Netz aus kleinbürgerlicher Vetternwirtschaft. Der Außenseiter Studer ist selber ein Erniedrigter; degradiert, weil er vor Jahren einmal nicht "mitgespielt" hat. Die Chance, es wenigstens einmal der allgegenwärtigen Vetternwirtschaft mit ihrer Hochnäsigkeit heimzuzahlen, lockt ihn, und wem seine Sympathien gelten, ist ebenfalls klar.
Am Ende muss Studer mehr Morde klären, als anfangs überhaupt festgestellt wurden.
Das Gesagte gilt auch für den einzigen Krimi, der ohne "den Studer" auskommen muss: "Der Tee der drei alten Damen" ist ein Spionage- und Kolportageroman und gleichzeitig eine mit allen Wassern gewaschene Parodie auf diese Genres, und außerdem ein grandioses Sittenbild der ganz eigenen Atmosphäre im Genf der 20er Jahre. Der Roman hat, im Gegensatz zu den späteren Krimis, noch einige kleinere Schwächen im Aufbau, jongliert aber schwindelfrei mit so grundverschiedenen Versatzstücken wie z.B. großangelegten Geheimdienst-Machenschaften, Giftmorden, Rauschgift, abseitigen Spiritistenkreisen und Psychiatrie.
Auch dieser Roman lohnt unbedingt die Entdeckung.
Eine uneingeschränkte Empfehlung -- so viel authentischen Glauser gibt's nicht noch einmal. Wer Krimis mit viel Atmosphäre und tiefen Einblicken in seelische Abgründe liebt und nicht auf jeder Seite neue "action" braucht, der kann zugreifen, zumal weil man sehr schnell Glauser-abhängig werden kann.