Eine Enttäuschung. Die Frage, ob fortgesetztes Wirtschaftswachstum möglich ist, ohne das Ökosystem zum Kollaps zu bringen, ist eine der wichtigsten Zukunftsfragen. Sie lohnt der Auseinandersetzung - doch dieses Buch ist leider keine Hilfe dabei.
Ebenso pauschal wie überheblich kritisiert Paqué "die Wachstumskritiker" - als ob das eine homogene Schule oder Sekte wäre: "Wachstumskritiker begehen deshalb einen doppelten Irrtum: Nicht nur sehen sie die Produktion durch eine Brille, die nur die steigende Menge wahrnimmt, und nicht die zunehmende Qualität und Vielfalt. Auch die Nachfrage, die der Wohlstand ermöglicht, wird verengt, und zwar auf den schnöden materiellen Konsum. Der 'gefräßige Hund' - dieses hässliche Bild ist hier angemessen." Und kurz darauf: "All dies addiert sich zu einem merkwürdigen Weltbild. Wohlgemerkt: Die meisten Wachstumskritiker sind sich dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst. Sie machen sich überhaupt keine tieferen Gedanken, was volkswirtschaftliches Wachstum überhaupt bedeutet. Und wenn sie es täten, würden sie vielleicht selbst vor dem 'gefräßigen Hund' erschrecken und sagen: So haben wir das nicht gemeint. Die Frage bleibt dann allerdings: Wie haben sie es dann gemeint? Auf diese Frage bleiben die Wachstumskritiker die Antwort schuldig, wenn sie immer wieder gegen 'quantitatives Wachstum' zu Felde ziehen. Insofern geht die grundsätzlichste all ihrer Kritiken fehl." (S. 33)
Dabei zeigt er sich erstaunlich schlecht informiert, was den aktuellen Diskussionsstand der Wachstumskritik betrifft. Immer wieder kommt er auf die erste Studie des Club of Rome zurück - doch die war bei Erscheinen seines Buchs schon 38 Jahre alt. Das Literaturverzeichnis weist darüber hinaus noch Meinhard Miegels "Exit" aus, das eher der ökonomischen Belletristik zuzurechnen ist, aber dann wird es bereits arg dünn. Weder kennt er offenbar die neueren Arbeiten des Club of Rome noch die beiden Studien "Zukunftsfähiges Deutschland" (BUND / Misereor) noch die zahlreichen Publikationen der "Global Marshall Plan Initiative" noch die Arbeiten kritischer Ökonomen von Binswanger bis Ernst Ulrich von Weizsäcker. Das ist eine ziemlich dürftige Basis für eine Kritik der Wachstumskritik. Gerade angesichts eines langen, rund 180 Titel umfassenden Literaturverzeichnisses hinterlässt das den Eindruck, dass Paqué es hier gar nicht so genau wissen wollte.
Eines lässt sich trotzdem aus diesem Buch lernen: Dass nämlich (Mainstream-)Ökonomen mit einer fundamental anderen Perspektive an die Sache herangehen als Wachstumskritiker, die eine ökologische Perspektive einnehmen: Während die Ökonomen aus dem bestehenden (Wirtschafts-)System heraus argumentieren, zu dem es in ihren Augen keine Alternative gibt, nehmen die "Ökologen" die Begrenztheit unseres endlichen - und schon ziemlich zerschundenen - Ökosystems als Ausgangspunkt. Für sie muss sich das Wirtschaftssystem an dem Ökosystem orientieren und nicht umgekehrt, weil wir sonst unsere eigene Zukunft und die unserer Nachfahren aufs Spiel setzen. Wo dessen kritische Grenze liegt, ob wir sie schon überschritten oder noch ein paar Jahrzehnte Zeit haben, das weiß niemand so genau; ziemlich sicher aber ist, dass uns ein Wachstum, das seiner Natur nach exponenziell ist, unerbittlich auf diese Grenze zu und über sie hinaus treibt - auch dann, wenn man es als "intelligent" oder "qualitativ" deklariert. Mit Argumenten, die sich aus der inneren Logik des Wirtschaftssystems ableiten, sind sie nicht zu erreichen. Wer sie überzeugen will, müsste aufzeigen, dass in den Grenzen eines endlichen Ökosystems unbegrenzt oder wenigstens noch für ein paar Jahrhunderte weiteres Wachstum möglich ist. Doch dieser Frage stellt sich Paqué nicht einmal ansatzweise; ich bin nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt sieht.
Trotzdem demonstriert er unfreiwillig, wie begrenzt seine Sichtweise ist. Im Kapitel "Der Wandel des Sozialstaats" versucht Paqué aufzuzeigen, dass Wachstum die Lösung für drei wichtige gesellschaftliche Probleme sei: Für die Finanzierung der Gesundheitskosten einer alternden Gesellschaft, für die Arbeitslosigkeit und für die Rückzahlung der Staatsverschuldung: "So würde ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von nur zwei Prozent pro Jahr die Schuldenquote von fast 80 Prozent innerhalb einer Generation (30 Jahre) auf 44 Prozent senken, ein Wachstum von drei Prozent pro Jahr sogar auf nur noch 33 Prozent." (S. 204)
In der Tat würde Wachstum wohl dabei helfen, all diese Probleme in den Griff zu bekommen. (Formal logisch nur eine nützliche Bedingung.) Auffällig ist nur, dass Volkswirte wie Paqué immer nur vom "hinteren Ende" des Wachstums her argumentieren, also von dessen Folgen und Nutzen her, dass sie aber das "vordere Ende" entschlossen ignorieren, nämlich ob solch ein "nachhaltiges Wachstum" von real (also inflationsbereinigt!) 2 oder gar 3 Prozent über weitere 30 Jahre überhaupt möglich ist, geschweige denn auf lange Sicht. Un-bedacht bleibt dabei sowohl, ob unser Planet das überhaupt verkraften könnte, als auch, wer die verdoppelte bzw. fast verdreifachte Gütermenge konsumieren soll. Denn die von Paqué beschworene wohltätige (relative) Schrumpfung der Schulden käme ja dadurch zustande, dass das jährlich (!) erzeugte BIP sich über die harmlos klingenden 2 bzw. 3 Prozent innerhalb von 30 Jahren auf das 1,8-Fache bzw. 2,4-Fache aufbläht. Wer soll denn das in einer schrumpfenden Gesellschaft kaufen und verbrauchen?!
Noch absurder wird das Ganze, wenn man sein Erfolgrezept nicht auf 30, sondern beispielsweise auf 300 Jahre rechnet. Das ist von wirklicher Nachhaltigkeit - nämlich, dass die Menschheit auf Dauer so leben und wirtschaften könnte - immer noch weit entfernt, aber es ist wenigstens ein bisschen langfristiger als die lächerliche 30-Jahres-Perspektive, die Paqué anlegt. Bei einem scheinbar geringen durchschnittlichen Wachstum von real (!) 2 Prozent ergäbe sich in 300 Jahren eine Steigerung des BIP auf das 380-Fache, bei 3 Prozent Wachstum auf das 7.098-Fache (!!). (Nein, kein Tippfehler - Zinseszinseffekt!) Offensichtlich sprengt Paqués Erfolgsrezept schon auf mittlere Sicht jede Dimension. Zugegeben aber, dass bei einer solchen Entwicklung des BIP die Staatsschulden nicht mehr das größte Problem wären.
Die "Zukunft des Kapitalismus", die im letzten Kapitel zu beleuchten versucht, hat Paqué damit verspielt - die zentrale Frage, wie ein "nachhaltiges Wachstum" in einem endlichen Ökosystem möglich sein soll, lässt er leider nachhaltig unbeantwortet.