Neue Zürcher Zeitung
Plappern und leise Panik
Isabel Bolton: «Wach ich oder schlaf ich»
In Flushing Meadow ist Weltausstellung, und in den Pavillons gibt sich die gute Gesellschaft New Yorks ein Stelldichein. Hitler besetzt Österreich, Chamberlain redet vom Frieden, bei Lenny Woods wird am späten Nachmittag eine Cocktailparty gegeben. Das Leben ist «eine Serie unzusammenhängender Ereignisse», aber Manhattan im Frühling ist der schönste Ort der Welt nur gibt es dort von all dem Guten viel zuviel: zu viele Erfahrungen, zu viele Wochenschauen mit erschreckenden Bildern, zu viele jener «seelenzerlegenden Romane», die im Zeichen Freuds geschrieben werden und den Stolz derer, die sie lesen, «bis aufs Mark aushöhlen».
Solch kollektives Geplauder in den teuren Appartements von Manhattan hat Isabel Bolton in direkter und indirekter Rede verdichtet und in einen klassischen Gesellschaftsroman gepackt. «Do I Wake or Sleep» erschien 1946 als erster Teil einer Trilogie, die 1952 abgeschlossen wurde. Der Name der Autorin war ein Pseudonym; dahinter verbarg sich die 63jährige Mary Britton Miller, die vor allem Kinderbücher veröffentlicht hatte. An Kritikerlob für die drei Romane fehlte es nicht; trotzdem gerieten sie in Vergessenheit anders als die Werke ihrer Vorbilder wie etwa Virginia Woolf, Henry James oder Edith Wharton. Erst vor zwei Jahren wurde die Trilogie, zu der noch die Romane «The Christmas Tree» und «Many Mansions» gehören, in den USA wiederentdeckt und «Wach ich oder schlaf ich» liegt nun in einer ausgesprochen flüssig zu lesenden Übersetzung von Hannah Harders auch in deutscher Sprache vor.
Die Geschichte umfasst nur einen einzigen Tag und handelt vom Neben- und Miteinander dreier Personen. Im Zentrum steht die junge und auffallend schöne, aber mittellose Bridget, die in jedem Salon alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und von Verehrern umlagert wird; neben ihr verkümmert die Freundin Millicent, die als Kolumnistin und Drehbuchschreiberin tätig ist; zu den beiden Frauen gesellt sich noch Percy, ein bekannter Schriftsteller, der Bridget liebt und nicht verstehen kann, dass diese bewunderte Frau so wenige Worte über ihre behinderte Tochter im bedrohten Wien verliert.
Diese drei und mit ihnen allerlei Bekannte verbringen den Tag beim Essen, beim Schneider, im Hotel oder bei Martinis; sie plappern geläufig und leiden im stillen; sie übernehmen wechselnde Rollen auf der gesellschaftlichen Bühne; sie tratschen und intrigieren, sie verletzen sich gegenseitig und versinken jede und jeder für sich in Depressionen. Percy ist ein haltloser, unheilbarer Romantiker und säuft wie ein Loch; Millicent vermisst die Liebe und weiss doch, dass es vor allem ihr selbst an Gefühlen gebricht; Bridget parliert neben den beiden daher, einerseits unbedarft und schutzbedürftig wie ein kleines Mädchen und andererseits kühl kalkulierend auf der Suche nach einem Mann, dessen Vermögen vielleicht sogar zur Rettung ihrer Tochter ausreichen könnte.
Was diese Figuren wirklich bewegt oder bewegen könnte, lässt sich kaum sagen zu dicht ist der Panzer aus Floskeln, Ritualen und fashionablen Aktivitäten. Man liest, was und wie sie reden, und weiss, dass sie sich langweilen und quälen, obwohl ihnen eigentlich nichts zustossen kann, was ein guter Psychotherapeut nicht wieder hinzubiegen vermöchte. Und genau daraus resultiert das Vergnügen an diesem Roman: aus der Weise, in der diese Aufführungen mit spitzer Feder wiedergegeben werden äusserst ironisch, nur selten wirklich polemisch. «Wach ich oder schlaf ich» ist ein betagtes Buch, wenn man darin nur das Spiegelbild einer überlebten Gesellschaftsschicht sehen will; blickt man sich im weiteren Bekanntenkreis um, dann springt auch die Aktualität ins Auge.
Michael Schmitt
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 30.05.2000
Sie gehörte zur Generation von Virginia Woolf und Djuna Barnes, und sie gehörte wie jene zur schriftstellerischen Avantgarde ihrer Zeit: Isabel Bolton, die 1946, mit 63 Jahren, nach etlichen Gedichtbänden und Kinderbüchern ihren ersten Roman herausbrachte. Kein Wunder also, dass die Barnes-Biografin und Übersetzerin Kyra Stromberg mit dieser Rezension betraut wurde. Stromberg sieht viele Ähnlichkeiten mit Woolf. Wie diese habe sich Bolton in ihrem New York-Roman, der im letzten Frühling vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielt, von der Technik des inneren Monologs leiten lassen und bediene sich des Mittels der zeitlichen Komprimierung und Dehnung über ein zeitliches Raster, das 24 Stunden im Leben dreier Figuren aus der New Yorker Reichenwelt umfaßt. Stromberg geht sowohl auf die Gemeinsamkeiten wie die Unterschiede zwischen der Amerikanerin Bolton und der Engländerin Woolf ein, hält Bolton aber durchaus Woolf für ebenbürtig. Die Übersetzung von Hannah Harders findet insgesamt lobende Erwähnung.
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